Hot! Das Phänomen Würzburger Kickers: Der Club aus der beschaulichen Beamtenstadt überholte sich selbst

Wegen „Übereifrigkeit“ in der Erfüllung von Zielvorgaben waren ins Leben gerufene Projekte binnen kurzem Makulatur / Im neuen Jahrtausend kometenhafter Aufstieg von der Bezirksliga bis in die 2. Bundesliga

Mit Riesenschritten naht nun das Pokalfinale, was uns die Gelegenheit geben soll, den Gegner FC Würzburger Kickers einmal ausgiebig vorzustellen. Mit diesem ist es etwas anders bestellt als mit dem Halbfinalgegner TSV 1860 München. Freilich spielen beide aktuell in der 3. Liga und haben in jüngerer Zeit auch die Regionalliga Bayern beackert (die Löwen nur mit einer Stippvisite), aber das war`s dann auch schon an Gemeinsamkeiten. Das Wichtigste aber, die – nennen wir es einmal – „sportliche Provenienz“ gestaltet sich bei beiden Vereinen grundverschieden.

Toto-Pokal-Finale: Samstag / 25. Mai / 14.15 Uhr

Während man die Löwen aufgrund ihrer ausgeprägten Profi-Vergangenheit eigentlich keinem Fußballinteressierten eigens vorstellen muss, sind die Rothosen gemessen daran noch in einer Phase, in der sie ihre frisch gedruckten Visitenkarten herum reichen, die sie nunmehr als vollwertiges Mitglied des deutschen Profifußballs ausweisen. Als dieses hat man gerade die zu Ende gegangene Drittliga-Saison auf Platz fünf abgeschlossen und die beiden anderen bayerischen, weitaus traditionsreicheren Vertreter TSV 1860 München (12.) und SpVgg. Unterhaching (10.) in sportlicher Hinsicht hinter sich gelassen.

Sportliche Höhepunkte waren lange dünn gesät

Beginnen wir beim Blick in die Vereinshistorie der im Jahre 1907 gegründeten Würzburger Kickers mit der Nachkriegszeit. In dieser spielten die Rothosen beginnend mit dem Jahr 1950 über 27 Jahre in der damals drittklassigen Bayernliga. Zur Saison 1977/78 glückte dann der Aufstieg in die 2. Liga. In dieser Saison war die unterfränkische Residenzstadt zweifach in der 2. Liga vertreten, da im Jahr zuvor bereits der Stadtrivale Würzburger FV zweitklassig geworden war. Die Rothosen durften sich aber nur eine Spielzeit im Glanz des Profitums sonnen, da sie postwendend wieder abstiegen. Bis 1983 hielt man sich dann noch in der Bayernliga, dann erfolgte der Abstieg in die Landesliga. Seither gehörten die Kickers nur noch dreimal sporadisch (für jeweils eine Saison) der Bayernliga an. Der sportliche Niedergang war verbunden auch mit einem finanziellen Absturz und erreichte seinen Tiefpunkt in der Saison 2003/04 nach zwei Abstiegen in Folge in der Bezirksliga Unterfranken Mitte (7. Klasse!) angekommen war. Aus diesen sportlichen Niederungen arbeiteten sich die Residenzstädter vergleichsweise zügig wieder heraus und waren in der Spielzeit 2007/08 wieder an ihrem Ausgangspunkt, der Bayernliga, angelangt. Im ersten Anlauf scheiterte man und stieg umgehend wieder ab. Die folgende Landesliga-Saison nutzte man zur Konsolidierung, ehe man im Jahr darauf nach Erringen des Meistertitels erneut aufstiegsberechtigt war.

Kickers wurden zum Profiteur der Ligareform

Hier bewies man am Dallenberg freilich ein gutes Händchen für das richtige Timing, denn just in der darauf folgenden Spielzeit wurde die Regionalliga Bayern neu eingeführt. Unter anderen konnten sich auch die gekürten Landesliga-Meister um die Aufnahme bewerben und sich über die Relegation qualifizieren. Das Team von Erfolgscoach Dieter Wirsing setzte sich – nach einem Freilos in der 1. Runde – in der 2. Runde gegen den BC Aichach durch. Hierdurch konnte man die Bayernliga überspringen und durfte in der Saison 2012/13 in der Regionalliga Bayern antreten. Dadurch ließ man auch den über lange Jahre sportlich besser situierten Stadtrivalen Würzburger FV hinter sich, dem der Sprung aus der Bayernliga in die Regionalliga aufgrund einer verpatzten Relegation damals nicht gelang. …bis heute nicht, muss man ergänzen, denn die Bayernliga hält den ambitionierten Würzburger Stadtteilverein immer noch in ihren Fängen. Die Rothosen hingegen gingen mit dem ihnen zuteil gewordenem Glück sorgsam um und konnten in ihren ersten beiden Regionalliga-Spielzeiten die Klasse vergleichsweise mühelos halten (Plätze 10 und 11).

9. Mai 2014: Viktoria Aschaffenburg (am Ball: Salavatore Bari) und der FC Würzbrger Kickers (am Ball: Joe Mensah) trafen im Stadion am Schönbusch als Regionalligisten aufeinander (© Moritz Hahn, Archiv)

Das „Projekt 2×2 – in zwei Jahren in die Zweite Liga“ war so eigentlich nicht vorgesehen…

Noch in der Saison 2013/14 startete man bei den Kickers das „Projekt 3×3 – in drei Jahren in die 3. Liga“, dessen erklärtes Ziel es war, den Aufstieg in die 3. Liga binnen drei Jahren zu realisieren. Die Idee, den Profifußball in Würzburg zu verankern, wurde durch eine breite Marketingkampagne gepusht. Mindestens 1,2 Millionen Euro pro Spielzeit sollten dafür in den nächsten drei Jahren über Sponsoren, Partner und Dauerkartenverkauf akquiriert werden. Nachdem die finanzielle Deckung gesichert war, ging man unverzüglich zum nächsten Schritt über, in dem die Professionalisierung der Strukturen in die Wege geleitet werden sollte. Coach Dieter Wirsing musste weichen, für das Projekt „3×3“ zeichnete ab der Saison 2014/15 mit Ex-Profi Bernd Hollerbach ein Würzburger mit Kickers-Vergangenheit als Trainer verantwortlich. In der Mannschaft gab es einen großen personellen Umbruch: 14 Spieler verließen den Verein, 14 neue kamen. Die Neuzugänge rekrutierten sich dabei vornehmlich aus Spielern mit Profi-Vergangenheit und jungen Talenten aus den NLZs von Profivereinen. Die schon im Vorfeld der Saison auf den Favoritenschild gehobenen Kickers rechtfertigten die Vorschusslorbeeren und sicherten sich mit acht Punkten Vorsprung die Meisterschaft in der Regionalliga Bayern. In der Relegation zur 3. Liga räumte die Elf von Bernd Hollerbach den Südwest-Vertreter 1. FC Saarbrücken weg und hatte zur Erreichung der ambitionierten Zielsetzung gerade einmal eine Saison benötigt. In der 3. Liga fanden sich die Rot-Weißen auf Anhieb gut ein und beendeten die Saison 2015/16 auf dem dritten Tabellenplatz, der zur Teilnahme an der Relegation zur 2. Liga berechtigte. Gegner der Rothosen war Zweitligist MSV Duisburg, der zweimal bezwungen werden konnte, womit der zweite Aufstieg in Folge gelang und die Kickers nach 38 Jahren wieder der 2. Bundesliga angehörten. Erneut hatte man seine eigenen Pläne quasi „rechts überholt“, war doch erst wenige Monate zuvor das neue Projekt „3×2 – in drei Jahren in die 2. Bundesliga“ ins Leben gerufen worden…

Sofortiger Abstieg und Etablierung in der 3. Liga

Zunächst setzte sich der Höhenflug auch in der Zweitklassigkeit fort. Nach der Hinrunde lagen die Kickers mit für einen „Doppel-Aufsteiger“ nahezu sensationellen 27 Punkten aus 17 Spielen auf dem sechsten Tabellenplatz, ehe in der Rückserie der große Einbruch kam, als man außer sieben Remis nichts mehr holen konnte. In der Endabrechnung belegte man den vorletzten Tabellenplatz und musste den Weg zurück in die 3. Liga antreten. Am 22. Mai 2017 wurde auf einer kurzfristig anberaumten Pressekonferenz die Rücktritt von Coach Bernd Hollerbach bekannt gegeben. In seine Fußstapfen trat Stephan Schmidt, zuvor Trainer der U17-Junioren des FC Schalke 04. Doch die Rothosen gerieten in der Drittliga- Saison zunächst einmal in Schieflage, so dass man zeitweise befürchten musste, sie könnten in die Regionalliga Bayern durchgereicht werden. Im Oktober 2017 zog man die Reißleine und stellte Schmidt frei. Mit Michael Schiele übernahm der bisherige Co.-Trainer. Dieser sorgte alsbald für Aufwind und befreite die Kickers bis zur Winterpause zunächst einmal aus ihrer misslichen Lage. Nach tollen 36 Punkten aus der Rückrunde konnte man nach dem Stotterstart die Saison noch mit 61 Punkten auf dem fünften Tabellenplatz beenden. Fünfter wurde man auch in der soeben beendeten Spielzeit 2018/19, mit 57 Zählern weist man vier weniger als im Vorjahr auf. Für beide Spielzeiten gilt aber: An die Aufstiegsplätze zur 2. Liga konnte die Schiele-Elf nicht heran riechen. Zum dritten Platz fehlten in der Saison 2017/18 acht, in der eben abgelaufenen Spielzeit gar 13 Zähler.

Das frühere Dallenbergstadion wurde am 9. März 2013 nach dem ortsansässigen Hauptsponsor in Flyeralarm-Arena umbenannt und hat seither im Zuge der sportlichen Aufstiege mehrere Umbau- und Erweiterungsmaßnahmen erlebt. Die Profiabteilung ist seit dem Jahr 2014 in eine Aktien-Gesellschaft ausgegliedert, an der der Verein mit 51 Prozent und die Flyeralarm Future Labs GmbH mit 49 Prozent beteiligt sind.

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