Hot! „Die WM 2006 ist der Höhepunkt meiner beruflichen Tätigkeit!“

Stundenlang könnte man Horst R. Schmidt zuhören, wenn er spannende Geschichten von den Olympischen Spielen 1972 in München oder der Fußball-WM 1978 in Argentinien erzählt. Man klebt regelrecht an seinen Lippen, wenn er sich an die WM 1974 in Deutschland oder 1986 in Mexiko erinnert. Horst R. Schmidt ist ein Mann mit großer Viktoria-Vergangenheit. Von 1977 bis 1979 leitete er als 1. Vorstand die Geschicke des Vereins. Für Aufsehen sorgte Schmidt am 1. April 1978, als er noch vor dem Punktspiel gegen den VfB Gießen dem damaligen Trainer Bubi Pfeifer Stadionverbot erteilte, weil er sich in einem Interview vereinsschädigend verhalten hatte. Schmidts Aufgaben beim DFB machten eine längere Amtszeit leider nicht möglich. Trotzdem  ist der heute 70-Jährige der Viktoria stets treu geblieben und besucht immer wieder die Heimspiele am Schönbusch. Schmidt ist noch bis 2013 als Schatzmeister des größten Sportfachverbandes der Welt gewählt, verwaltet einen Etat von über 150 Millionen Euro. Im „Heimspiel“ erinnert er sich an seine Vorstands-Zeit bei der Viktoria und die schönsten und beeindruckendsten Momente beim DFB und der FIFA.

 

Herr Schmidt, schildern Sie doch bitte einmal, wie Sie zur Viktoria gekommen sind.

Ich zog 1976 mit meiner Frau von München nach Aschaffenburg. Dort hatte ich mit dem damaligen Sportamtsleiter und Nationalspieler Ernst Lehner eine Bezugsperson, die ich vom DFB und der Nationalmannschaft her kannte und die mich nach Aschaffenburg und letztlich zur Viktoria brachte. In einem Verein kann man schnell seinen Bekanntenkreis ausbauen und so wurden meine Frau, die damals als Lehrerin in Aschaffenburg unterrichtete, und ich schnell heimisch.

Welche Funktionen haben Sie für den SVA ausgeübt?

Ich war zwei bis zweieinhalb Jahre erster Vorstand. Wir haben zu dieser Zeit die Satzung umgebaut und Alfred Röhse zum Präsidenten gemacht, mit mir als Vorstand auf der operativen Seite. Ich musste dann diese Position aufgeben, weil meine Verpflichtungen beim DFB dafür keinen weiteren Raum ließen. Es ist nicht einfach, eine Tätigkeit im Verband mit der im Verein zu verbinden. Die enge Beziehung zur Viktoria ist aber trotzdem ungebrochen geblieben.

Welcher ist Ihr prägendster SVA-Moment?

Die Zeit als die Viktoria Zweitliga-Luft schnupperte, mit dem ganzen Umfeld im renovierten Stadion am Schönbusch, ist mir nachhaltig in Erinnerung geblieben. Und dass wir später das Stadion an die Stadt abgeben konnten. Dadurch ist der SVA aus seiner Verantwortung entlassen worden, die er auf Dauer nicht leisten konnte. Das war damals lebenserhaltend für den Verein.

Wie sind Sie zum DFB gekommen?

Durch meine Tätigkeit im Organisationskomitee (OK) der Olympischen Spiele 1972 hatte ich Kontakt zum damaligen DFB-Vize Hermann Neuberger und so wuchs die Absicht, dass ich im OK für die WM 1974 in Deutschland dabei sein sollte. Es folgte der Umzug von München nach Frankfurt, verbunden mit der Erkenntnis, beim DFB bleiben zu wollen. Und so haben Neuberger und ich von 1974-1992 gemeinsam viel erreicht, vor allem auf internationaler Ebene.

Sie sind viel in der Welt herumgekommen, haben zahlreiche Großereignisse erlebt und organisiert – welcher war der unvergesslichste Moment für Sie?

Mit Sicherheit die Olympischen Spiele 1972. Das war meine erste Bekanntschaft mit einem Sportereignis in dieser Größenordnung. Dieses phantastische Ereignis hat meine Vorstellung stark geprägt, zudem unheimlich Spaß gemacht und mir viel Gestaltungsfreude gegeben. Ich erinnere mich gerne an die Eröffnungsfeier. Das war eine mir unbekannte und sehr beeindruckende Atmosphäre. Aber auch das Wechselbad der Gefühle mit dem Attentat und der Frage der Fortsetzung der Spiele hat mich sehr geprägt.

Als nächstes zählten Sie zu den Machern der WM 1974…

Nach den erfolgreichen Olympischen Spielen war es eine große Herausforderung, die WM 1974 zu einem vergleichbaren Erfolg zu führen. Das internationale Ansehen Deutschlands war gewachsen. Mit dieser WM haben wir, was die wirtschaftlichen Möglichkeiten bei der FIFA betraf, neue Maßstäbe gesetzt.

 

Fortan waren Sie an jeder WM beteiligt, was war die größte Herausforderung und was das freudigste Erlebnis?

Ich greife zwei Ereignisse heraus: Die WM 1978 in Argentinien musste unter den Bedingungen einer bestehenden Militärherrschaft ausgerichtet werden. Die bestehenden politischen Spannungen und die kritische Haltung vieler Länder zu der Regierung bildeten eine denkbar ungünstige Voraussetzung für die Weltmeisterschaft 1978. Mit großer Flexibilität seitens der FIFA und der wachsenden Bereitschaft zur Kooperation, ist es dann gelungen ein großartiges Turnier zu organisieren, bei dem der Gastgeber auch noch das Glück hatte den Titel zu gewinnen und damit für eine hervorragende Stimmung im Lande und in den Stadien gesorgt war. Natürlich ist mir im Zusammenhang mit der WM 1978 das denkwürdige Spiel gegen Österreich in Cordoba mit der 2:3-Niederlage in Erinnerung, der traurige Abschied aus Ascochinga (Mannschaftsquartier) und die Heimkehr mit leeren Händen.

Dagegen war Mexiko 1986 von Anfang an mit einer hervorragenden Stimmung im Lande und bei den Verantwortlichen ausgestattet. Das Land hatte offensichtlich Schwierigkeiten die notwendige Infrastruktur herzustellen, und zwar unter den Voraussetzungen der Rückgabe der WM durch Kolumbien 1983 und der kurzen Zeit von nur drei Jahren für die Vorbereitung. So mussten in der Finanzierung, auch der Infrastruktur, private Geldgeber mit einsteigen und den Staat unterstützen, sonst wäre es nicht gelungen, die notwendigen Voraussetzungen herzustellen. Mexiko hat uns alle fasziniert mit seiner überragenden Gastfreundschaft und mit der Lebensfreude der Menschen, die auch dann Anteil nahmen, wenn sie nicht die notwendigen Mittel besaßen, um sich ein Ticket zu kaufen. Die Begeisterung der Bevölkerung ging so weit, dass bei einem Besuch in einem der ärmsten Viertel von Mexiko-City sich 30.000 Menschen im Stadion versammelten, um der FIFA-Delegation zuzujubeln.

Und dann waren Sie ja auch noch maßgeblich am Sommermärchen 2006 beteiligt…

Es steht außer Frage, dass die WM 2006 der Höhepunkt meiner beruflichen Tätigkeit ist. Wenn ich an den langen Bewerbungskampf, insbesondere gegen England und Südafrika denke, der sich über sieben Jahre erstreckte, die Schwierigkeiten die Stadioninfrastruktur zu verbessern und zu erneuern und andere große Hürden, so blicke ich mit einem gewissen Stolz auf dieses Ereignis zurück. Es ist dem DFB und seinen Verantwortlichen gelungen, nicht nur die notwendige Zahl von zwölf WM Arenen, bereit zu stellen, am Ende waren es sechzehn, sodass sich noch die Qual der Wahl einstellte und uns die nicht berücksichtigten Städte noch lange Jahre regelrecht böse waren. In der Verfolgung dieser Bereitschaft zur Verbesserung der Stadioninfrastruktur fuhren die Städte und die Clubs auch nach der WM noch fort, so sind auf diesem Wege eine ganze Reihe von kleineren Fußballstadien erneuert worden und neu entstanden (Dresden, Rostock, Augsburg, Duisburg, etc.), von dieser Entwicklung profitierte ja auch die Frauen WM 2011.

2006 war in verschiedener Hinsicht eine ganz besondere FIFA Fußballweltmeisterschaft, weil z.B. das Public-Viewing eine überragende Rolle spielte und hunderttausende ausländischer Gäste, die keine Eintrittskarten bekommen hatten, trotzdem die Reise nach Deutschland antraten. Die Bereitschaft in der Bevölkerung zu einer exzellenten Gastgeberschaft war unübertroffen. Als Verantwortlicher für den gesamten organisatorischen Ablauf im OK-Präsidium und Stellvertreter von Franz Beckenbauer, war dies eine Zeit der ganz besonderen Herausforderung, aber auch der ganz besonderen Freude. Es ist uns kein großer Ausrutscher passiert und das Ansehen unseres Landes im Ausland hat ganz enorm von dieser Veranstaltung profitiert, das spüren wir bis in die heutige Zeit hinein.

Und dann kam die letzte WM in Südafrika…

Ich hatte gar nicht damit gerechnet, dass die FIFA mich bitten würde, unmittelbar nach der WM 2006, als Berater bei der WM 2010 in Südafrika mitzuhelfen. Ich traf auf ein mir komplett unbekanntes Umfeld, nie zuvor hatte ich professionell mit afrikanischen Einrichtungen zu tun gehabt. Ich bin von 2006 bis 2010 vielleicht 40-50 Mal nach Südafrika geflogen, um Vorort mit dem lokalen Organisationskomitee und den FIFA-Mitarbeitern die Vorbereitung zu begleiten. Auch dort bin ich hervorragend aufgenommen worden und blicke auf diese vier Jahre mit großer Freude und Genugtuung zurück. Mein Einstieg wurde nicht zuletzt dadurch erleichtert, dass ich die Verantwortlichen des Verbandes und des Organisationskomitees aus den langen Jahren aus meiner Zeit als Generalsekretär des DFB kannte und dementsprechend auch aufgenommen wurde.

Man sieht Sie häufig bei den SVA-Heimspielen – was trauen Sie Mannschaft und Verein in dieser Saison zu?

Ich hoffe, dass die jetzige Führungsmannschaft dabei bleibt. Nach der Konsolidierung ist eine große Chance da. Wenn man die Liga halten und ohne Bauchschmerzen beenden kann, ist das ein Riesenerfolg, der nachträglich den Schritt nach Bayern bestätigt.

 

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