Jochen Seitz: „Ein Punkt wäre ein Traum“

Ohne fünf Stammspieler muss die Viktoria zum Jahresabschluss die schwierige Heimaufgabe gegen den hoch gehandelten Unterfranken-Rivalen 1. FC Schweinfurt 05 lösen

Ein Gesetz in der Psychologie besagt, dass man sich die stärksten Argumente immer für den Schluss aufheben sollte. Im Falle der Viktoria wäre das ein Heimsieg gegen den kränkelnden Titelanwärter 1. FC Schweinfurt 05 (Samstag, 14 Uhr) am letzten Spieltag des Kalenderjahres. Nach zuletzt zwei Niederlagen kann man es auch poetischer ausdrücken: Die weiß-blauen Herzen werden den ganzen langen Winter über frieren müssen, wenn ihnen zum Schluss nicht noch einmal kräftig eingeheizt wird…

Ähnliche Überlegungen stehen aber sicherlich auch bei den Gästen aus Schweinfurt hoch im Kurs, denn das Team von Ex-Profi Timo Wenzel möchte sicherlich nach einer Schwächephase mit lediglich zwei Punkten aus den letzten fünf Partien den Jahres-Schlussakkord am Schönbusch dazu nutzen, seine Titelansprüche noch einmal nachhaltig in Erinnerung zu rufen.

Jochen Seitz verlangt von seiner Mannschaft im letzten Spiel des Jahres nochmals, alle Kräfte zu bündeln (© Moritz Hahn)

Auch in der dritten Saison nach der Umstellung auf Profibetrieb stoßen die Kicker aus der Kugellagerstadt mit ihren Meisterschafts- und Aufstiegsambitionen klassenintern auf erbitterten Widerstand und müssen wie schon mancher vor ihnen die Erfahrung machen, dass die Regionalliga „ganz schön kleben kann“. Ex-Profi Timo Wenzel, der das Traineramt in Schweinfurt erst zu Beginn der Saison vom ins Amt des sportlichen Direktors wechselnden Gerd Klaus übernommen hatte, gab klugerweise als eigene Zielsetzung aus, was angesichts der Rahmenbedingungen ohnehin von ihm erwartet wurde: „Wenn ich so etwas mache, dann will ich auch oben mitspielen und nicht irgendwo im Mittelfeld rumdümpeln.“ Zu konkret zu werden, vermied Wenzel mit dem Hinweis auf die Unwägbarkeiten im Business: „Die Bayern sind mit ihren Möglichkeiten und Gegebenheiten der Topfavorit. Natürlich werden wir auch als Favorit gehandelt, wie werden die Gejagten sein in der Liga. Aber ich werde nicht sagen `wir steigen auf`, denn ich bin schon zu lange dabei und weiß genau, dass alles passen muss…“ Die Mannschaft tat in der laufenden Runde das Ihrige, indem sie in den ersten 16 Partien bei 31:7 Punkten ungeschlagen blieb. Im letzten Spiel der Hinrunde setzte es ausgerechnet beim zu Hause noch sieglosen damaligen Tabellenletzten FC Pipinsried eine krachende 0:5-Niederlage, die den Sachs-Motor ins Stottern brachte. Seither gelang kein Sieg mehr und nur zwei Punkte konnten auf dem Eingangskonto verzeichnet werden.

Wer auf dem Zahnfleisch geht, kann nicht zubeißen…

22. Spieltag am Samstag, 1. Dezember, um 14 Uhr im Stadion am Schönbusch

Nach Abschluss der Hinrunde vor wenigen Wochen wähnte man sich beim SVA voll auf Kurs in Richtung Klassenerhalt. 24 Punkte aus 17 Partien hatte man seinerzeit geholt und bis zur Winterpause noch fünf Spiele vor der Brust. Vier Spieltage später haben die Weiß-Blauen gerade einmal zwei Punkte mehr auf dem Konto und sind an der nicht einmal sonderlich ambitionierten Zielsetzung von 30 Punkten unabhängig vom Ausgang des letzten Spiels gescheitert.

Die Gründe, warum der Viktoria vor der Winterpause offensichtlich die Puste ausgeht, weiß Jochen Seitz exakt zu benennen: „Wenn man ehrlich ist, ist es doch so: Wir müssen in jedem Spiel 100 Prozent geben und sind darüber hinaus im bisherigen Saisonverlauf auch vom Verletzungspech nicht verschont geblieben. Spieler, die sechs, sieben Wochen gefehlt haben, wie ein Schnitzer oder ein Oppermann, sind ja danach auch nicht auf Anhieb wieder topfit, sondern lavieren sich mit weiterhin verminderter Leistungskraft so durch. Wir sind momentan an einem Punkt angelangt, an dem wir auf dem Zahnfleisch gehen. Das merkt man den Jungs aktuell in jedem Spiel nach hinten raus deutlich an. Wir haben auch keine personellen Alternativen mehr, mit Kizilyar (Rote Karte) und Grünewald (5. Gelbe Karte) fehlen uns am Samstag im Defensivbereich wieder zwei Akteure. Diese personellen Engpässe bekommen unserem kraftintensiven Spiel gar nicht.“

Gleichwohl darf man von den Weiß-Blauen erwarten, dass sie im prestigeträchtigen Unterfranken-Derby zum Schluss noch mal alles raushauen: „Es ist jetzt das letzte Heimspiel, da wollen wir noch einmal alle Kräfte bündeln, um vielleicht noch mal zu punkten. Schweinfurt ist individuell gut besetzt, wird wahrscheinlich auch am Schönbusch mehr Ballbesitz haben und uns viel Laufarbeit abverlangen. Da wird entscheidend sein, ob unsere Kräfte ausreichen, noch einmal 90, 95 Minuten dagegen zu halten. Versuchen werden wir das in jedem Fall, ob das dann gegen eine Profitruppe reicht, steht in den Sternen.“

Plätzchen aus Beton zur Adventszeit

Eine Profitruppe, muss man hinzufügen, die aktuell ihren Ansprüchen etwas hinterher hinkt. Jochen Seitz will das keinesfalls überbewertet wissen. Eine Ergebniskrise mögen die Schweinfurter derzeit haben, in einem Leistungstief befinden sie sich nach seiner Beobachtung aber keineswegs: „Ich habe mir die letzten beiden Spiele der Schweinfurter angeschaut, in Bayreuth und zuletzt zu Hause gegen Garching. Vom Chancenverhältnis her hätten sie eigentlich beide Partien gewinnen müssen. Ähnliche Probleme haben wir derzeit ja auch: Auch wir machen aus vielen Chancen zu wenig Tore.“

Im 0:1 im Hinspiel im Willy-Sachs-Stadion rührte die Viktoria letztlich ohne Erfolg reichlich Beton an, doch einen Grund, am Samstag diese wichtige Baumaschine aus dem Schönbusch zu verbannen, leitet Jochen Seitz daraus nicht her: „Schweinfurt ist auch am Schönbusch Favorit. Daher muss unser Hauptaugenmerk erst einmal darauf liegen, ihr Spiel zu stören und dafür zu sorgen, dass sie nicht die Räume bekommen. Ich hoffe auf eine Defensivleistung mal wieder ohne individuelle Fehler und mit dem Quäntchen Glück, das uns beim 0:1 im Hinspiel gefehlt hat. Nach vorne bekommen wir ja eigentlich in jedem Spiel unsere Gelegenheiten. Auch gegen den FCS werden es ein paar sein, aber bestimmt nicht allzu viele. Folglich müssen wir in der Chancenverwertung konsequenter sein wie in den letzten Spielen.“

Jochen Seitz: In dieser Liga gibt es keine Gewissheiten

Die unterm Strich positive Jahresbilanz möchte sich Jochen Seitz nicht vermiesen lassen, auch wenn es am Samstag gegen den Favoriten kein Happy-End geben sollte: „Unabhängig von dem Schweinfurt-Ergebnis bleibt festzuhalten, dass wir ein gutes Jahr gespielt haben. Das Szenario, sich mit drei Niederlagen in die Winterpause zu verabschieden, wäre – sollte es denn wirklich eintreffen – ärgerlich und auch ein kleiner Schmutzfleck auf dem bisher Geleisteten. Aber in dieser Liga kann der Letzte den Ersten schlagen, deshalb lässt sich pauschal gar nichts sagen, nicht einmal, dass wir beim Schlusslicht Heimstetten gewinnen müssen. Umgekehrt haben wir ja auch schon Punkte dort geholt, wo es keiner vermutet hätte. Wir müssen unseren Weg weiter gehen und über unsere Kernkompetenz, die mannschaftliche Geschlossenheit, die zum Klassenerhalt noch nötigen Punkte holen.“

Mit den Langzeitverletzten Schmidt, Wittke und Beinenz sowie den gesperrten Kizilyar und Grünewald fehlen am Samstag fünf Stammspieler, Dähn und Boutakhrit kehren hingegen wieder in den Kader zurück. „Unsere Mannschaft stellt sich fast von alleine auf, wobei ich mir ein, zwei Überraschungen vorbehalte“, so der Coach, der an die Adresse seiner Spieler einen zusätzlichen Leistungsanreiz sendet: „Je nachdem, wie wir uns im letzten Spiel präsentieren, fälle ich dann meine Entscheidung, wann im neuen Jahr Trainingsstart ist.“

Zu dem Kompromiss einer Punkteteilung am Samstag muss man Jochen Seitz nicht lange überreden: „Egal wie er zustande kommt, ein Punkt wäre ein Traum.“ Auf geht`s Jungs, e i n Lichtlein müsst ihr anzünden, das gebietet schon der Kalender!

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