Hot! „Es wird eine verdammt harte Saison“

Viktoria-Coach Jochen Seitz spricht Klartext zur Regionalligatauglichkeit des Kaders und erläutert die im Zuge der letzten Vertragsverlängerung erfolgte Ausweitung seiner Kompetenzen

„Ich bin davon überzeugt, dass wir mit dem aktuellen Kader die Klasse halten können“ – dieses Zitat darf als Kernbotschaft eines Interviews angesehen werden, dass wir knapp zwei Wochen vor dem Saisonstart mit Viktoria-Trainer Jochen Seitz geführt haben. Längerfristig gesehen – daraus macht der Ex-Profi keinen Hehl – kann sich die Viktoria nur mit Hilfe einer kräftigen Finanzspritze dauerhaft in der Beletage des Amateurfußballs halten.

Jochen Seitz hat die Viktoria in die Regionalliga geführt (© Moritz Hahn)

Jochen, bist Du vor der Regionalliga-Saison eigentlich nervös? Immerhin bist Du ja von Deiner Aktiven-Laufbahn her wesentlich höhere Sphären gewohnt…

In meiner jetzigen Funktion als Trainer ist das für mich natürlich schon etwas Besonderes, aber nervös bin ich nicht deswegen. Die Mannschaften sind mir alle unbekannt, aber das war ja bei meinem Amtsantritt in der Bayernliga nicht anders. Es bedeutet extrem viel Arbeit, sich auf die einzelnen Gegner vorzubereiten. Als erstes werde ich mich über Auftaktgegner Buchbach informieren. Wenn man eine Mannschaft überhaupt nicht kennt, muss man größere Mühen aufwenden, um an die entsprechenden Informationen zu kommen, mit deren Hilfe man sein Team richtig einstellt.

In der Vorbereitung habt ihr bisher fünf Matches gegen durchweg unterklassige Gegner bestritten und mit Ausnahme des letzten (1:3 gegen den Hessenligisten FC Gießen) alle gewonnen. Wie wichtig sind Dir in der Vorbereitung Resultate?

Ergebnisse in der Vorbereitung sind eigentlich sekundär, weil die Spiele in erster Linie dazu dienen, verschiedene Spielsysteme einzustudieren. Sie sind auch Lehrstücke in Sachen Gegner-Studium: In welcher Formation spielt er und wie kann ich dieser erfolgreich begegnen? Testspiele geben einem also die Möglichkeit zum Experimentieren. Ich kann zum Beispiel einen Spieler auf verschiedenen Positionen ausprobieren. Das ist gerade im Hinblick auf die Frage, wer im Ernstfall einen fehlenden Spieler auf seiner Position adäquat ersetzen kann, wichtig. Wir müssen zudem sehen, dass wir die Fehler, die wir in den Spielen begangen haben, auf dem Trainingsplatz aufarbeiten und entsprechend abstellen, so dass wir diese im nächsten Match nicht mehr machen. Das ist der Staffelplan, um im ersten Spiel auf alle Eventualitäten vorbereitet zu sein.

Viktoria Trainer Jochen Seitz hat seinen Vertrag vorzeitig um ein Jahr bis 2020 verlängert (© Nikolas Verhoefen)

Steigerungen habt ihr in euer Vorbereitungsprogramm ja eingebaut. Höhepunkt ist zweifellos die auf kommenden Samstag (7. Juli, 11:30 Uhr) terminierte Partie gegen den Vorsaison-Sechsten der Regionalliga Südwest, die U21 der TSG Hoffenheim (Gerhard-Oswald-Stadion // Am Sportplatz 1, 67578 Gimbsheim)…

…wobei wir mit Barockstadt Fulda und dem FC Gießen schon zwei Gegner auf Augenhöhe hatten, die zwar momentan noch Oberliga spielen, aber für die Zukunft ganz andere Ziele haben. Das waren gute Tests, nicht von ungefähr haben wir gegen Gießen verloren. Mit von diesen Spielen angefertigtem Videomaterial können wir den Spielern zeigen, welche Fehler gemacht wurden. Zu Beginn einer Vorbereitung ist es immer besser, gegen niedrigklassige Vereine zu spielen, um ein bisschen in die Materie reinzukommen. Zum Abschluss kann man sich dann gegen einen richtig starken Gegner den letzten Feinschliff holen. Das ist gleichzeitig das Signal an die Mannschaft, dass es jetzt losgeht. In dieser Phase gegen einen Kreisligisten zu spielen, wäre natürlich nicht zielführend. Gegen Hoffenheim II weiß das Team hingegen, dass es sich zusammenreißen muss, um einen guten letzten Eindruck zu hinterlassen.

Nach aktuellem Stand habt ihr sechs Neuverpflichtungen getätigt, drei davon haben keinerlei Regionalliga-Erfahrung. Vom Rest kann allein Ugurtan Kizilyar mit verbriefter „frischer“ Regionalliga-Spielpraxis aufwarten. Traut ihr dennoch allen zu, sich auf Anhieb in der Regionalliga durchzusetzen?

Wir hoffen das natürlich und haben die Spieler geholt, weil wir daran glauben. Natürlich haben wir auch entwicklungsfähige Spieler wie Pasqual Verkamp und Malick Diarra, die etwas Zeit brauchen und vielleicht in ein, zwei Jahren in der Regionalliga durchstarten können. Mit Ugurtan Kizilyar und Luca Dähn haben wir die dringend benötigten Verstärkungen für die Abwehr geholt. Luca war lange Zeit verletzt, aber sonst bekommt man solche Leute auch nicht. Um Ugurtan haben wir uns sehr bemüht, weil wir ihn unbedingt haben wollten. Manchmal muss man die Spieler halt auch überzeugen, dass die Viktoria der richtige Verein für sie ist. Wenn man unsere finanziellen Möglichkeiten sieht, ist das nicht ganz so einfach. Es gibt auch in der Umgebung Vereine, die viel mehr bezahlen können. Wir können aber mit dem Umfeld punkten und haben auf diese Weise für die neue Runde eine gute Mischung zusammengestellt. In puncto Abwehr und auch Mittelfeld bin ich zuversichtlich, im Sturm sehe ich mit der Verpflichtung eines kopfballstarken Stürmers noch Handlungsbedarf.

Ausgewiesene Regionalliga-„Knipser“ wachsen bekanntlich nicht auf Bäumen…

(Lacht) Wir würden schon einen bekommen, haben dazu aber die finanziellen Möglichkeiten nicht. Da müssen wir uns wirklich weiterentwickeln. Wir hatten ein, zwei gute Stürmer an der Hand, deren für die Regionalliga keineswegs überzogene Forderungen wir allerdings nicht bezahlen konnten. Eine dringliche Aufgabe muss daher sein, alsbald den Mannschaftsetat zu erhöhen, sonst drohen wir über kurz oder lang wieder in der Bayernliga zu landen.

Das Transferfenster ist noch bis Ende August offen. Gesetzt den Fall, es findet sich keine bezahlbare Lösung des Stürmerproblems. Kann man dieses Handicap kompensieren?

Als Trainer sieht man sich die Mannschaft an und wählt das für sie geeignete Spielsystem. Wenn wir also zum Beispiel keinen Strafraumstürmer haben, werden wir etwas tiefer stehen und auf Konter spielen. Wir haben schon schnelle Leute vorne drin, die die Möglichkeit haben, Tore zu schießen, ob sie nun Schnitzer, Oppermann, Diarra, Bruno oder Verkamp heißen. Die müssen wir schicken und dann hinterher gehen. Das ist so eine Spielidee, die mir momentan im Kopf herumgeht. In der Bayernliga hatten wir viel Ballbesitz, in der Regionalliga wird das etwas anders sein. Die Umstellung auf eine Dreier- beziehungsweise Fünferkette hat schon in der Bayernliga sehr gut funktioniert. Schließlich stellten wir in der vergangenen Saison die beste Abwehr der Liga. Sehr gut möglich daher, dass wir auch in dieser Saison wieder so anfangen. Ich bin im Übrigen davon überzeugt, dass wir mit dem vorhandenen Spielermaterial die Klasse halten können. Aber es wird eine verdammt harte Saison.

Wäre es angesichts des Stürmerproblems nicht sinnvoll gewesen, einen Aydin oder Breunig zu halten? Zumindest wäre man dann variabler gewesen.

Absolut, aber Gökhan Aydin wollte wie auch Christian Breunig nicht hier bleiben. Diese Spieler wollen eigentlich 90 Minuten auf dem Platz stehen. Dass ich ihnen das nicht garantieren konnte, war der Grund, warum sie weggegangen sind. Christian spielt jetzt in Haibach von Anfang an, Gökhan in Kahl. Beide waren schon in der Bayernliga eher nicht zufrieden, weil sie zu wenige Einsatzzeiten hatten. Diese Spieler waren mithin nicht zu halten, daher müssen wir uns nun um adäquaten Ersatz bemühen.

Wie schätzt Du die Liga und speziell die Rolle der Viktoria ein?

Nach meiner Einschätzung gibt es sechs, sieben Vereine, die um den Klassenerhalt kämpfen werden, darunter sind wir. Dann gibt es noch einige Mannschaften, die amateurhaft arbeiten, aber ausgesprochen regionalligaerfahren sind und auch über das entsprechende Spielermaterial verfügen. Zu diesen zählt unser erster Gegner TSV Buchbach, der von Anfang an dabei ist und mit Ausnahme der Vorsaison immer auf den Plätzen zwischen sechs und acht landete. Zu uns: Grundsätzlich ist man als Aufsteiger immer Außenseiter. Was natürlich nicht heißt, dass wir die Spiele nicht gewinnen wollen. Wir müssen uns schnell akklimatisieren und uns vor allem eines bewusst machen: Egal gegen welchen Gegner wir in dieser Liga spielen, wir müssen Topleistungen abrufen. Wie in der Bayernliga jedes Wochenende ein Topspiel: so ungefähr fühlt sich Regionalliga an. Ein schwieriges Programm, das wir mit einem Kader von 18 Feldspielern absolvieren müssen. Da darf verletzungstechnisch nicht allzu viel passieren.

Im Zuge der angestrebten Professionalisierung des Vereins soll Dein Aktionsradius ausgeweitet werden. Worin bestehen Deine zusätzlichen Aufgaben?

Wenn man an die Mannschaft denkt, so ist das Scouting ein Bereich, der neu hinzukommt. Des Weiteren werde ich Videoanalysen betreiben, nicht nur von unseren Spielen, sondern auch vom kommenden Gegner. Ich schneide die relevanten Szenen zusammen und führe sie danach der Mannschaft vor. Mit der Vorstandschaft habe ich mich darauf verständigt, dass ich sie zu Sponsorengesprächen begleite. Das Erstellen von Konzepten, Trainingsvorbereitung und die Kontaktpflege zur Jugendabteilung gehören auch zu meinen Aufgaben. Priorität hat freilich weiterhin der sportliche Erfolg, sprich der Klassenerhalt in der Regionalliga.

In einem Interview mit Dir war kürzlich zu lesen, dass Du beabsichtigst, einen Lehrgang zum Fußballehrer – Königsdisziplin des Trainerwesens – zu absolvieren.

Um eine Ausbildung zum Fußballlehrer muss man sich zunächst einmal bewerben. Jedes Jahr werden von den circa 100 Bewerbern nur 25 genommen. Da muss man sich also erst einmal durchsetzen. Ich werde das nächstes Jahr in Angriff nehmen. Ich bin ja jetzt gewissermaßen auch schon hauptamtlich bei der Viktoria, mit einem Vertrag bis 2020. Fußball wird auch weiterhin mein Lebensinhalt bleiben, da ist der Fußballehrer ein logischer Schritt, um meine Karriere in diese Richtung voranzutreiben.

Danke für das Interview, Jochen. Wir wünschen Dir viel Erfolg beim Erreichen Deiner Ziele. Wenn – was wir alle hoffen – die Viktoria in Sachen Professionalisierung ihre Hausaufgaben macht, kann der Schönbusch langfristig zu dem Arbeitsplatz werden, an dem Du auch als dann „Hochqualifizierter“ an der richtigen Adresse bist.

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