Frühes Vorkommen weiblicher „Fankultur“

Nachweislich seit 1952: Sigrid und Heike Kunkel wurden in all den Jahren ihres weiß-blauen Schwarms nie überdrüssig

Man trifft sie noch an, wenn auch naturgemäß immer seltener. Die Rede ist von den Fan-Veteranen, in deren Herzen noch wohl gehütete Erinnerungen an längst vergangene Fußball-Epochen eingeschlossen sind. Die Fan-Sozialisation lief damals nicht selten durch eine Form frühkindlicher Prägung ab. Vom eigenen Vater schon von Kindesbeinen in die samstägliche Stadion-Zeremonie eingeführt, hielt man sodann dem weiß-blauen Kosmos durch alle Wechselfälle des Vereinsgeschehens auf Lebenszeit die Treue.

Heike und Sigrid Kunkel sind seit Jahrzehnten SVA-Fans

Als ein Sonderfall dieser in heutigen Zeiten per se schon raren Spezies darf die Übertragung des Liebesobjekts „Verein“ von Mutter auf Tochter angesehen werden. Sigrid Kunkel und ihre Tochter Heike stellen im Hinblick auf langjährige Vereinstreue ein absolutes Phänomen dar, das so im weiten Umkreis kein zweites Mal anzutreffen sein dürfte. Die Viktoria kickte noch erstklassig in der Oberliga Süd, als Sigrid Kunkel 1952 im Stadion am Schönbusch den etwas anderen Bund fürs Leben schloss. In den erzkonservativen Nachkriegsjahren wohlgemerkt, als sich der Zuständigkeitsbereich der Frauen nach den damals herrschenden Wertvorstellungen noch auf die berüchtigten drei K’s zu erstrecken hatte und der Besuch im Stadion (Fankultur war noch ein Fremdwort) eine reine Männerdomäne war, vergleichbar etwa dem Sonntagsfrühschoppen nach dem damals obligatorischen Kirchgang. Bis in die 70er Jahre prangte dann an vielen Stadionkassen das Schild „Kinder und Frauen freier Eintritt“ – nur scheinbar ein Geschenk, in Wahrheit ein besonders perfides Zeugnis chauvinistischen Gedankenguts  nach dem Motto: Woran eine Frau keinen Spaß hat, dafür braucht sie auch nicht zahlen. Sigrid Kunkel darf man glauben, in den 61 Jahren, in denen sie der mainfränkischen Diva nun schon die Treue hält, ihr Eintrittsgeld immer gerne entrichtet zu haben. So lag es nahe, ihren damals – anders als heute – in der Damenwelt wirklich noch exotischen Enthusiasmus für ein, wenn auch zugegebenermaßen besonderes Fußballteam auf ihre 1964 geborene Tochter Heike zu übertragen, deren Initiation am Schönbusch im zarten Alter von fünf Jahren stattfand. Die zwei Jugendfreundinnen unserer Diva bringen es addiert auf 105 Jahre Treue, was eines Menschen Zeit nicht mehr ermessen kann. Man könnte sich ein Kaffeekränzchen vorstellen: Ganz intim, nur die beiden Damen mit unserer Diva aus dem Nähkästchen plaudernd, wie das damals war, als das damals junge Fräulein Viktoria noch nicht diese ewigen Diva-Flausen im Kopf hatte. Da das aber dann doch eher in das Reich der Fiktion zu verweisen ist, beschränken wir uns auf das, was gleichwohl der so selten gewordenen Freundschaft fürs Leben am besten gerecht wird: ein gleichermaßen schlichtes wie monumentales „Danke“.

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