Hot! Gerhard Rienecker: „Nicht immer schießt Geld Tore“

Im Sinne einer nachhaltigen Zukunftsgestaltung rät PASS-Consulting-Geschäftsführer Gerhard Rienecker der Viktoria zur Erstellung eines langfristigen Konzepts

Eine Wendung zum Positiven in allen Bereichen des Sportmanagements attestierte Gerhard Rienecker, Vorsitzender der Geschäftsleitung der PASS Consulting Group, anlässlich eines „HEIMSPIEL“-Interviews der Vorstandsarbeit der neu gewählten Viktoria-Führungsriege. Das weltweit operierende IT-Unternehmen mit einem Standort in Aschaffenburg-Strietwald engagiert sich seit dieser Saison als Haupt- und Trikotsponsor für die Viktoria, verschließt sich aber auch nicht vielfältigen anderen sportlichen, kulturellen und sozialen Projekten.

In diesem Zusammenhang gewährt Gerhard Rienecker einen Einblick in seine Unternehmensphilosophie. So ganz nebenher entlarvt er die derzeit sportlich erfolgreichsten Bundesligisten Bayern München und VfL Wolfsburg als aus Unternehmensberater-Sicht „sehr unproduktiv“.

 

Gerhard Rienecker, Geschäftsführer der PASS Consulting Group (© PASS)

Gerhard Rienecker, Geschäftsführer der PASS Consulting Group (© PASS)

Herr Rienecker, sind Sie mit dem sportlichen Auftreten und den sportlichen Ergebnissen des Viktoria-Teams zufrieden?

Ich bin sehr zufrieden. Sowohl das Auftreten wie die Ergebnisse liegen über meiner Erwartung. Ich hatte nach dem Abstieg in der letzten Saison nicht damit gerechnet, dass das Team so schnell wieder so erfolgreich vorne mitspielt und aktuell sogar der De-facto-Tabellenführer ist. Das Auftreten der Mannschaft wirkt sicher, stabil und selbstbewusst. Diese Stabilität und Sicherheit führen zu einer erstaunlichen Spielkontrolle,  aus der heraus immer wieder mit viel Spielwitz der Gegner so in Bedrängnis geraten ist, dass meistens mehr Tore erzielt werden konnten als der Gegner geschossen hat.

Ich habe den Eindruck, die Mannschaft hat viel Spielfreude. Es macht Spaß, ins Stadion am Schönbusch zu kommen. Und wenn mich meine Wahrnehmung nicht täuscht, kommen immer mehr Aschaffenburger ins Stadion, weil es ihnen genauso geht.

 

In Ihrer Eigenschaft als Gründer und Vorsitzender der Geschäftsleitung eines global agierenden Wirtschaftsunternehmens: Mit welchen Adjektiven oder wahlweise Fachtermini würden sie die Atmosphäre rund um den Schönbusch beschreiben wollen?

Ich glaube, die Atmosphäre am Schönbusch ist geprägt von einer Aufbruchsstimmung gepaart mit viel Optimismus und dem Glauben, dass die aktuelle Spielklasse nicht das Ende der Fahnenstange bedeutet, sondern das Sprungbrett zu mehr ist. Wenn ich ein Spiel der Viktoria am Schönbusch besuche, empfängt mich eine herzliche und optimistische Atmosphäre. Die Menschen, die ich da treffe, haben meistens strahlende Augen und freuen sich ebenso über den aktuellen Aufwärtstrend wie ich.

Wenn sie ein Unternehmen aufgebaut haben wie ich, dann wissen Sie, wie wichtig eine optimistische Stimmung für den Erfolg ist. In der Wirtschaft ist es eine Binsenweisheit, dass Wirtschaftserfolg direkt von der positiven Stimmung aller Beteiligten abhängt. Prof. Dr. Dr. Sinn, ehemaliger Wirtschaftsweiser und Chef des IFO-Institutes, erhebt monatlich den IFO-Index, um die Stimmung in der Wirtschaft zu messen, quasi eine Analyse der Wirtschaftspsychologie. Wenn wir dies auf den Schönbusch und die Viktoria übertragen, würde ich sagen, der Viktoria-Stimmungsindex hat aktuell ein sehr hohes Niveau und hat den Zenit noch nicht erreicht.

 

Sponsoring sollte idealerweise zu einer Win-win-Situation führen. Wo liegt der Vorteil für einen Sponsor? Hat Ihnen die Viktoria etwas zurückgegeben?

Hier muss ich erst einmal grundsätzlich werden. Wir unterstützen die Viktoria nicht, um daraus Kapital zu schlagen. Wir machen nahezu 100 % unserer Umsätze mit Kunden, die nicht hier in Aschaffenburg und Umgebung angesiedelt sind. Insofern ist der Werbeeffekt für uns überschaubar. Aber ich habe vor über 20 Jahren eine Unternehmensphilosophie auf 25 Seiten niedergeschrieben und dort fest verankert, dass all unser Tun in Verantwortung für unsere Gesellschaft zu erfolgen hat. Die praktische Umsetzung dieser Verantwortung ist das Engagement für die Viktoria. Gerade zu einem Zeitpunkt, als es der Viktoria schlecht ging, war es für mich eine Selbstverständlichkeit, zu helfen. Wir engagieren uns aber auch in anderen Sportarten, in der Kultur und auch dort, wo wir soziale Brennpunkte erkennen. Alljährlich veranstalten wir in der Alten Oper in Frankfurt unseren Late Year Benefiz – dieses Jahr am 29.11. mit Christoph Maria Herbst. Bei diesem Event sammeln wir von unseren Kunden, Mitarbeitern und Besuchern weitere Mittel ein, verdoppeln den Betrag und spenden dieses Geld dort, wo Hilfe angesagt ist. Meine Kollegen in der Unternehmenskommunikation arbeiten ca. sechs Monate daran, diesen Event erfolgreich zu machen.

Eine Win-win-Situation sehe ich insofern nur mittelbar im Bereich der Kooperation, der Motivation und der Emotion. Natürlich ist auch nicht auszuschließen, dass sich durch die vielen neuen Kontakte, die sich seit Beginn der Sponsoring-Aktivität ergeben haben, Geschäftsbeziehungen ergeben. Es ist aber sehr schön, dass wir die Kooperation im Event-Bereich weiter ausbauen und dass der Verein uns bei der Bekanntmachung kultureller Events unterstützt. Zuletzt geschehen bei der Lesung von Roger Willemsen in der Stadthalle mit dem Titel „Das hohe Haus“.

 

Was ist Ihrer Meinung nach die Besonderheit der Projektionsfläche Viktoria, durch die sie sich von vergleichbaren Mitbewerbern unterscheidet?

Hier möchte ich zwei Aspekte ansprechen: das Stadion selbst und die Stadionzeitung.

Zum Stadion: Täglich fahren Tausende von Kraftfahrzeugen am Stadion vorbei. Dies ergibt eine herausragende Möglichkeit für Sponsoren, sich dort zu positionieren, wenngleich wir diese Option aus obigen Gründen nicht gewählt haben. Kein anderer Verein in der Region verfügt über derartig exponierte Werbeflächen.

Zur Stadionzeitung: sie ist sehr professionell gemacht und bietet exzellente Möglichkeiten für Firmen, auf sich und ihre Produkte aufmerksam zu machen.

 

Soweit Sie hier in der Zeit ihres Engagements einen Einblick gewonnen haben: Wie beurteilen Sie die von den Vorstandsmitgliedern geleistete Arbeit? Welche Eindrücke nehmen Sie insbesondere aus persönlichen Kontakten mit?

Zum ersten Teil der Frage ist zu sagen, dass ich fest davon überzeugt bin, dass die bisher geleistete Arbeit in allen Bereichen des Sportmanagements eine Wendung zum Positiven genommen hat. Die aktuellen sportlichen Ergebnisse sprechen für sich. Ich glaube, es werden täglich viele richtige Entscheidungen getroffen – in der Personalpolitik, im Bereich der  Finanzen, im Marketing und in der Entwicklung der Mannschaft. Beispielsweise ist die Prämisse von Holger Stenger, nur das Geld auszugeben, das verfügbar ist, zwar eine harte Linie, stabilisiert aber die Verhältnisse im Verein und gibt allen Beteiligten einen Orientierungsrahmen, innerhalb dessen gestaltet und gearbeitet werden kann.

Lassen Sie mich auch hier etwas grundsätzlicher werden. Nicht immer ist es so, dass Geld Tore schießt. Geld ist eher schädlich für die wahre sportliche Motivation. Hier kann ich Ihnen das  Buch Mythos Motivation von Dr. Reinhard Sprenger empfehlen. Die Viktoria muss ihren Spielern klarmachen, dass Geld nicht motivieren kann. Ich habe in der Saison 2012/2013 mal eine Statistik erstellt, wieviel Geld die Bundesligavereine aufbringen müssen, um ein Tor zu schießen. In dieser Tabelle würden Bayern München und Wolfsburg sicher absteigen. Freiburg wäre Deutscher Meister. Wolfsburg musste für ein Tor 1,91 Mio. € aufwenden, München 1,28 Mio. €, während Freiburg nur 360.000,00 € für ein Tor ausgibt. Oder mit den Worten eines Unternehmensberaters: „Die Wölfe und die Bayern sind sehr unproduktiv.“  Gleichzeitig können Sie aus diesen Zahlen ableiten, dass die herausragende Motivation der Spieler in Freiburg oder auch Frankfurt immerhin dazu führt, dass sie sich in der Bundesliga über Jahrzehnte weitestgehend behaupten können.

Zum zweiten Teil der Frage kann ich sagen, dass ich in allen bisher geführten Gesprächen mitnehmen konnte, dass die verantwortlichen Manager des Vereins auf der Basis hoher Motivation und großen Einsatzes, mit aufrichtigen und redlichen Motiven ihre Arbeit uneigennützig verrichten, weil sie daran glauben, dass das Potenzial des Vereins und der Region die Chancen zu mehr bietet.

Aber lassen sie mich noch eine Empfehlung aussprechen: Will man sicher vermeiden, dass die derzeitige Situation nicht nur eine Eintagsfliege ist, dann benötigt die Viktoria ein langfristiges Konzept. Die Elemente dieses Konzeptes sind eine klare Vision, ein Leitbild, ein Wertesystem, klare operative Ziele, ein direktes und indirektes Führungsmodell und Strategien zur Zielerfüllung. Die Viktoria sollte die aktuelle Aufbruchsstimmung zum Anlass nehmen, für eine nachhaltige Zukunftsgestaltung zu sorgen. Eine Vision ist eine klare Vorstellung von der Zukunft. Diese Zukunftsvorstellung richtet Kräfte aus und fokussiert alle Aktivitäten auf gemeinsame Ziele. So praktiziere ich dies mit meinem Unternehmen und mit Unternehmen, in die ich einsteige. Ich gewinne immer mehr den Eindruck, dass die Vereinsführung bei der Viktoria Aschaffenburg begriffen hat, dass das auch für einen Verein gilt. In den Köpfen der Vereinsmanager stecken viele Vorstellungen, Ideen und Träume für die Zukunft. Das, was in den einzelnen Köpfen steckt, sollte schriftlich manifestiert werden und so ein indirektes Führungsmodell aufgebaut werden. Aus meiner Unternehmer- und Unternehmensberatungspraxis heraus möchte ich dies dringend empfehlen.

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