Hot! Ein „krasser Spagat“, den viele Ehemänner kennen…

… Viktoria-Kapitän Simon Schmidt muss Familie und „die Jungs“ unter einen Hut bringen

Der Routinier in einem sehr persönlichen Gespräch über Profiträume, die Harmonie im Team und die „unheimliche Lust, weiterzuspielen“

Da hat man vor dem Interview recherchiert und herausgefunden, dass Simon Schmidt, der in der laufenden Saison noch keine Minute auf dem Platz verpasst hat, aktuell mit seinen 36 Jahren der älteste Spieler der Regionalliga Bayern ist. Der daraufhin Angesprochene zeigt sich davon weitgehend unbeeindruckt, reagiert allenfalls mit leichtem Erstaunen. Allein das verrät schon einiges über die Schnörkellosigkeit des Menschen Simon Schmidt, der sich selbst als „zielstrebig und geradeheraus“ charakterisiert. Aber er offenbart sich im Gespräch auch als Gemütsmensch: Familie und „die Jungs“ gehen ihm über alles.

Kapitän Simon Schmidt im Kreise seiner Jungs (© Viktoria Aschaffenburg)

Simon, gerade ist die Tinte unter dem Vertrag trocken, mit dem sich die Viktoria Deine Dienste für ein weiteres Jahr bis Juni 2021 gesichert hat. War der Abschluss reine Formsache oder gab es im Vorfeld intensivere Gespräche?

Generell war von meiner Seite die Überlegung da: Man wird ja auch älter, man hat Familie zu Hause. Das Sportliche war nie die Frage, sondern wie ich das mit Familie und Beruf unter einen Hut bekomme. Das ist schon ein krasser Spagat und ich muss froh sein, dass mich meine Frau so gut unterstützt. Der Aufwand ist schon enorm: anstrengende Trainingseinheiten, Auswärtsspiele an den Wochenenden – das kostet alles Zeit, die einem woanders fehlt. Für eine Vertragsverlängerung sprach vor allem, dass es für mich im letzten halben Jahr sportlich prima gelaufen ist, ohne dass andere Dinge zurückstehen mussten. Die Weichen in Sachen Vertragsverlängerung wurden schon im letztes Jahr gestellt. In den seinerzeit stattfindenden Gesprächen hatte ich deutlich gemacht, dass ich noch unheimlich Lust habe, weiterzuspielen. Der Coach hatte im Gegenzug signalisiert, dass er weiterhin auf mich zählt.

Simon Schmidt in Jubelpose (© Moritz Hahn)

Ein Grund für Deine Fitness im hohen Fußballer-Alter ist zweifellos, dass Du von gravierenden Verletzungen weitgehend verschont geblieben bist. Gute Physis, geschicktes Zweikampfverhalten oder einfach nur glückliche Umstände? Wo siehst Du die Ursachen?

Das ist eine Mischung aus vielem. Schnell ist man im Spielgeschehen mit einem Gegenspieler zusammengeprallt. Wie vor eineinhalb Jahren, als ich mir in einer solchen Szene eine Gehirnblutung zuzog, die mir einige Zeit Sorgen bereitete. Ich bin freilich keine 18 mehr und spiele schon etwas mit Auge. Wenn es in Pflichtspielen aber ernst wird, kann ich freilich nicht zurückziehen, sondern muss mich reinhängen wie jeder andere auch. Ich höre generell auf die Signale meines Körpers. In Wolfgang Uschek habe ich einen sehr guten Physiotherapeuten, zu dem ich schon jahrelang hingehe. Ihm verdanke ich viel, denn er hat mich über die Jahre körperlich in der Spur gehalten.

Neben der Physis spielt bekanntlich auch die Psyche eine wichtige Rolle. Was treibt Dich in Deinem Alter noch an?

Für mich ist dieser Sport ein super Ausgleich zum Beruf. Jeder braucht körperliche Betätigung und ich kann da wunderbar abschalten. Auch der Kontakt mit den Jungs bringt einen auf andere Gedanken. Da wird mal ein bisschen Quatsch gemacht und man geht auch mal zusammen weg.

„Ich bin keiner, der die Jungs zusammenfaltet“

Seit wann bist Du eigentlich Mannschaftskapitän?

Da muss ich erst einmal überlegen. Ich glaube, das war im ersten Regionalliga-Jahr (2012/13). Damals habe ich in der Winterpause die Kapitänsbinde von Markus Horr übernommen.

Gibt es lautstarke Kabinenansprachen vom Kapitän Simon Schmidt? Oder siehst Du das eher als Aufgabe des Trainers?

Ich bin keiner, der die Jungs zusammenfaltet, sondern versuche ihnen dadurch zu helfen, dass ich mit eigener Leistung vorangehe, um so wieder Ruhe und Konstanz in unser Spiel zu bringen. Bei uns gibt es zwei, drei Spieler, die wenn nötig auf dem Platz das Heft in die Hand nehmen und die taktischen Vorgaben kommunizieren.

Leader und verlängerter Arm des Trainers. Simon Schmidt geht als Kapitän voran (© Moritz Hahn)

Welche Eigenschaften sollte ein Spielführer in der heutigen Zeit noch mitbringen?

Ich denke, dass sich das Klima innerhalb der Mannschaft im Laufe der Jahre sehr verändert hat. Früher war das sehr hierarchisch geordnet: Die Alten haben alles vorgegeben und die Jungen haben im Prinzip den Mund nicht aufgemacht. Heutzutage muss man viel mehr auf die einzelnen Charaktere eingehen und das Gespräch suchen. Wer Respekt einfordert, muss auch jedem den nötigen Respekt entgegenbringen. So habe ich das in all den Jahren gehalten und bin immer gut damit gefahren. Ich hatte noch nie mit jemandem „Zirkus“.

Man kann schon sagen, dass Du einer anderen Generation angehörst als die jungen Spieler. Schwimmt man da eigentlich noch auf einer Wellenlänge?

Ja und nein. Es ist schon so, dass wir eine sehr gute Harmonie in der Truppe haben und auch alle zusammen weggehen. Es gibt keine Grüppchenbildung nach Alter. Da kommt es schon vor, dass ich mit einem 22-Jährigen abends weggehe. Auf der anderen Seite: Natürlich haben die jungen Spieler zum Teil andere Gesprächsthemen als ich als Familienvater.

Du spielst ja schon seit geraumer Zeit erfolgreich auf der Position des Innenverteidigers. In engen Spielsituationen zieht es Dich gleichwohl immer mal wieder magnetisch nach vorne. Holt Dich da Deine Vergangenheit als offensiver Mittelfeldspieler ein?

(lacht) Warum ich mich vorne einschalte, hat einen ganz einfachen Grund. Es gibt im Spiel gewisse Momente, in denen es nicht mehr um Taktik geht. Wenn man hinten liegt und das Spiel noch aus dem Feuer reißen will, beispielsweise. Da kann ich nicht hinten stehen bleiben und warten in der Hoffnung, dass vorne irgendwas klappt. Da muss man alles versuchen. Zudem haben wir in diesem Jahr umgestellt und spielen jetzt komplett hinten raus. Damit hat sich auch die Rolle des Abwehrspielers geändert: Er ist jetzt der erste Offensivspieler so wie umgekehrt der Stürmer der erste Defensivspieler ist. Das ganze Konstrukt hat sich also verändert. Eine strikte Aufgabenverteilung nach dem Motto „Die einen machen hinten dicht, die anderen versuchen vorne ihr Glück“ gibt es nicht mehr.

Schmidt kann es als Linksaußen, in der Zentrale oder als Innenverteidiger (© Moritz Hahn)

„Wer in der Regionalliga nur Fußball spielt, ist deswegen noch lange kein Profi“

Gehen wir mal zu den Anfängen. Du galtest wie Deine Kollegen vom „goldenen“ Viktoria-Jahrgang 1984, Marcel Schäfer und Daniel Baier, als hoffnungsvolles Talent. Nach der Ausbildung in der Löwen-Jugend trennten sich die Wege. Baier und Schäfer schlugen eine Profikarriere ein, während Du über die Zwischenstation Darmstadt 98 zu Deinem Heimatverein zurückgingst, der sich gerade anschickte, die Oberliga in Richtung Verbandsliga Hessen Süd zu verlassen. Eine bittersüße Heimkehr?

Ganz klar: Natürlich will man, wenn man in der Jugend bei 60 spielt und dann rauskommt, Profi werden. Profis sind für mich Spieler aus der ersten und zweiten Liga, die richtig Geld kassieren. 3. Liga ist so die Grenze, das kann man mal 10, 15 Jahre machen, ausgesorgt hat man da aber keineswegs. Was die Regionalliga betrifft: Nur weil einer in der Regionalliga nichts anderes tut als Fußball spielen, ist er nach meiner Definition noch lange kein Profi. Um den Sprung zum Profi zu schaffen, benötigt man viel Glück, Können und Durchsetzungskraft. Dass die beiden (Schäfer und Baier) ihn gepackt haben, freut mich für sie. Wenn jemand dann, wie in meinem Fall, zwei, drei Jahre Oberliga und Regionalliga spielt und merkt, dass es nicht so richtig weitergeht, muss er sich anderweitig orientieren, einen Plan B entwickeln. Ich hatte das Abi und habe dann zügig angefangen zu studieren. Gleichzeitig war für mich klar, dass ich so lange und hoch wie möglich Fußball spielen will. Dazu habe ich bei der Viktoria ideale Voraussetzungen gefunden und mir gleichzeitig ein zweites (berufliches) Standbein schaffen können. Ich habe also nebenbei mein Studium absolviert und arbeite jetzt schon seit zehn Jahren als Wirtschaftsingenieur. Und nebenbei bemerkt braucht man sich mit Regionalliga wirklich nicht zu verstecken. Manch hoffnungsvolles Talent mit guter fußballerischer Ausbildung ist schon in der Kreisliga verkümmert.

Auch als Innenverteidiger setzt Schmidt spielerische Akzente (© Björn Friedrich)

Als Grund für die kürzlich erfolgte Vertragsverlängerung hast Du angegeben, dass Du Dich bei der Viktoria „wohlfühlst“. Kannst Du dieses „Wohlgefühl“ präzisieren?

Eine super Mannschaft, ein Trainerteam, das dazu passt. Alles ist eingespielt von den Abläufen her. Wir haben ein super Stadion, in dem man gerne Fußball spielt und vor jedem Spiel ein Kribbeln im Bauch hat. Wir sind ja auch mittlerweile an einem Punkt, an dem wir verstärkt wahrgenommen werden und ein Stadionbesuch am Schönbusch wieder hip ist. Man denke nur an die Pokalspiele. Das alles gibt einem schon ein schönes Gefühl.

Wie hast Du die sportliche Entwicklung des Vereins seit Deiner Rückkehr wahrgenommen?

Das kann man an den sportlichen Erfolgen festmachen. Über die Jahre hatten wir des Öfteren einen guten Kader, mit dem wir Aufstiege feiern konnten. Klar mussten wir auch Nackenschläge in Form von Abstiegen hinnehmen, zeitweise war auch Unruhe im Verein.

Pokalspiele jederzeit, Relegation lieber nicht…

Was ist Dir in sportlicher Hinsicht besonders in Erinnerung geblieben?

Positiv auf jeden Fall das Pokalspiel gegen 1860 München, das für die ganze Region wichtig war. Das war auch ein Moment, der gezeigt hat, was die Viktoria zu leisten imstande ist. Viele hatten uns im Vorfeld prophezeit, wir hätten gegen die Löwen keine Chance. Die wurden dann durch das Spiel eines Besseren belehrt. Man hat gesehen: Die Viktoria kann auch gegen einen scheinbar übermächtigen Gegner mithalten, der normalerweise acht von zehn Partien klar für sich entscheidet.

Was würdest Du lieber ausblenden?

Ich sag ganz ehrlich: Relegation brauche ich nicht mehr. Einmal, in der Relegation von der Landesliga in die Oberliga Hessen, waren wir erfolgreich. Seitdem sind wir nur noch baden gegangen.

Besonders nach dem verlorenen Relegationsspiel gegen Rosenheim waren viele tief enttäuscht…

Ich kann versichern: Als Spieler ist es noch schlimmer.

Hast Du in den mittlerweile zehn Jahren seit Deiner Rückkehr an den Schönbusch jemals noch einmal einen Vereinswechsel in Betracht gezogen?

Nein, ich hatte seither keine ernsthaften Verhandlungen mit einem anderen Verein. Bevor ich zur Viktoria kam, sind schon Vereine an mich herangetreten, die sportlich gleich oder ähnlich gestellt waren. Wegen meines in Aschaffenburg aufgenommenen Studiums war das aber keine Option. Wenn man älter wird, kommen schon Anfragen von wegen Trainer oder Spielertrainer. Aber bisher hatte ich noch immer zu viel Lust, am Schönbusch zu spielen.

Identifikationsfigur mit Statistik für die Vereins-Annalen (© Björn Friedrich)

A propos: Kannst Du Dir nach dem Abschied von der Viktoria einen Spielertrainer Simon Schmidt vorstellen?

Das weiß ich nicht. Ich versuche immer von Jahr zu Jahr zu denken. Stand jetzt spiele ich noch eineinhalb Jahre hier. Nachher kann alles passieren. Ich bin ein Mensch, der den Moment genießt. Darauf lege ich meinen Fokus. Mit allem anderen beschäftige ich mich zu gegebener Zeit.

…oder eine anderweitige Beschäftigung am Schönbusch, in der Du als unbestrittene Identifikationsfigur den Weg der Viktoria mitgestalten kannst?

Auch hier: Momentan haben die Familie und der Regionalliga-Fußball absolute Priorität. Wenn ich in absehbarer Zeit mal nicht mehr spiele, dann werde ich mir mal Gedanken machen und die Lage sondieren.

Danke, Simon, dass Du in einem überaus kurzweiligen Interview Rede und Antwort gestanden hast. Wir wünschen Dir für die nächsten 15 Monate viele magische Momente im Viktoria-Trikot, ob nun in der Liga oder im Pokal.

…und Relegation nur, wenn die Viktoria als Meister der kommenden Saison ans Tor zur 3. Liga pocht.

Stand: 24. Februar 2020 // Wolfgang Fleischer & Moritz Hahn

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