Hot! Udo Latteks blauer Pullover feiert 25-jähriges Jubiläum

Der historische Pokalsiegdes SV Viktoria 01 e.V. Aschaffenburg über den 1. FC Köln jährt sich am 24. Oktober zum 25. Mal! Erinnerungen an das Highliht der Viktoria-Geschichte.Strickpullis sind bekanntlich zeitlos unmodern und damit niemals wirklich out. Von daher dürfte es nicht verwundern, wenn auch Udo Latteks legendärer blauer Pullover aus dem Jahre 1987 noch irgendwo in den Untiefen eines Kleiderschrankes sein vermutlich immer noch ungewaschenes Dasein fristet. Dabei wäre ihm viel mehr Aufmerksamkeit beschieden, hinge er nach einer gründlichen Wäsche als textiler Skalp an der Wand der SVA-Geschäftsstelle „Am heißen Stein“ im Herzen der Stadt. Denn nach 13 siegreichen Bundesliga-Spieltagen war er damals im Oktober 1987 nachweislich des naiven Aberglaubens seines Trägers Lattek, nebenher Sportdirektor des 1. FC Köln, müde, wünschte die ständigen Siege zum Teufel und verlangte nach einer ordentlichen Reinigung – altgriechisch Katharsis – in Form  einer „knüppeldicken“ Niederlage. Diesem Wunsch wurde alsbald Erfüllung zuteil…

Wir schreiben das Jahr 1987. In dieser Spielzeit 1987/88  musste der SVA  nach dem bitteren Abstieg aus der 2. Liga wieder den Gang in die Oberliga antreten, war aber als Vorjahres-Zweitligist automatisch für die DFB-Pokal-Hauptrunde qualifiziert. In der ersten Runde hatte man den Zweitligisten SG Wattenscheid 09 zu Hause mit 4:0 abgefertigt und dann für die 2. Runde mit dem 1. FC Köln einen Traumgegner zugelost bekommen. Ganz im Gegensatz zu heute war der FC in diesem Jahr im deutschen Vereinsfußball die Mannschaft der Stunde  und kam als 13-mal ungeschlagener Bundesliga-Tabellenführer an den Schönbusch. Dass die Eintrittskarten schon 14 Tage vor dem Spieltermin restlos vergriffen waren, erübrigt sich fast zu sagen. 12.500 Zuschauer füllten an jenem 24. Oktober 1987 das Stadion und wollten Littbarski, Kohler, Povlsen und Co. sehen. Das Diktum, wonach der Pokal seine eigenen Gesetze habe, war zu dieser Zeit noch nicht so ehern wie heutzutage, wo das Favoritensterben fast schon zum Fußballalltag gehört. Trotz der klaren Außenseiterrolle hoffte Trainerfuchs Lothar Buchmann insgeheim auf die Sensation und bläute seinen Schützlingen vor dem Match ein, zunächst auf Torsicherung bedacht zu sein, um dann im entscheidenden Moment zuschlagen zu können. Dieser Strategie kam entgegen, dass die beiden SVA-Außenverteidiger Ingo Aulbach und Bernd Gramminger ihre prominenten Gegenspieler Flemming Povlsen bzw.  Thomas Allofs jederzeit im Griff hatten und mit dem dänischen Nationalspieler Morten Olsen der Denker und Lenker im Spiel der Kölner verletzungsbedingt fehlte. So agierte der Favorit weitgehend ideenlos, und es war über weite Strecken des Spiels kein Klassenunterschied zu erkennen. Der junge FC-Trainer Christoph Daum, der an diesem Tag vermutlich noch ohne zu beanstandende Stimulanzien seinen 34. Geburtstag feierte, dürfte wenig berauscht gewesen sein ob der „Geschenkübergabe“, die sich da in der 83. Minute anbahnte. Michael Sandt war an der rechten Strafraumgrenze gefoult worden und für den fälligen Freistoß kam in diesen Jahren nur einer in Betracht: Hans-Peter („Bubu“) Knecht. Was folgte, war lässig zelebrierte Routine in einem Hexenkessel. Sorgfältig den Ball zurechtgelegt, ein angedeutetes Nicken zum Anweisungen erteilenden Schiri, kurzer Anlauf, eine gefühlvolle Flanke, die über die baumlangen FC-Verteidiger hinweg den Kopf von Uwe Höfer findet, der den Ball gegen die Laufrichtung von Bodo Illgner im langen Eck versenkt.

Ein Moment wie festgefroren für die Ewigkeit und als Reminiszenz dank moderner Medien im Internet jederzeit virtuell abrufbar. Jedoch darf man sicher sein, dass diejenigen, die damals Augenzeugen waren, dieser Hilfsmittel nicht bedürfen. Diese Szene ist unauslöschlich und in surrealem Zeitlupentempo in die Erinnerung eines jeden Viktoria-Fans dieser Jahre eingebrannt. Den kollektiven Taumel, der hierauf in der ohnehin stark aufgeheizten Atmosphäre einsetzte, beschrieb ein Fernsehkommentator in der abendlichen Berichterstattung am treffendsten mit dem klassischen Unterstatement, dass „man um die Gesundheit einiger Zuschauer ernsthaft fürchten musste“. In der Tat hatte man als Stadionbesucher damals den Eindruck, dass das Stadion im wahrsten Sinne des Wortes „kochte“. Dies ging so weit, dass man der Sinnestäuschung (?) erlag, Dunstschwaden über dem Stadion wahrzunehmen. Pyrotechnik kann es jedenfalls nicht gewesen sein, die war in den 80ern noch nicht en vogue, dann eher schon Energie-Entladung.

Die letzten zehn Minuten der Partie sind heute ebenso schnell erzählt wie sie sich damals quälend langsam dahinschleppten. Köln stürmte mit Mann und Maus und hatte noch eine Vielzahl hochkarätiger Einschussmöglichkeiten, scheiterte jedoch am überragenden Torwart Claus Reitmaier, der zudem in einer Szene das Glück des Tüchtigen hatte, als Baranowski in der Nachspielzeit nur den Pfosten traf. Als dann mit dem Abpfiff die auf allen lastende unerträgliche Spannung abfiel und in einen schier entfesselten Siegestaumel mündete, konstatierte Viktoria-Präsident Wolfgang Rath im Überschwang der Gefühle: „Das war der größte Sieg in unserer 86-jährigen Vereinsgeschichte.“ Ob er damit im Blick auf die ganze Vereinshistorie ins Schwarze traf, sei dahingestellt. Eines lässt sich aber mit Gewissheit sagen: Seither ist kein größerer hinzugekommen.

FC-Sportdirektor Lattek flüchtete sich zerknirscht in die süffisante Analyse, indem er seiner Mannschaft bescheinigte, sie habe „gespielt wie ein Rennwagen im 3.Gang“. Weniger lyrisch war da schon sein Statement, das Spiel des FC sei „zum Kotzen“ gewesen. So deftige Worte er auch angesichts des Spiels fand, seinen Talisman – den blauen Pullover – ließ er sich nicht abspenstig machen. Die Frage von Pokalheld Reitmaier, was denn nun mit dem blauen Pullover geschehe, konterte er humorlos: „Der gilt nur für die Bundesliga.“ Am DSF-Doppelpass-Stammtisch, zu dessen Stammbesetzung er Jahre später in seiner Eigenschaft als Fußball-Oberlehrer der Nation gehören sollte, wären anlässlich einer solchen Platitude fünf Mark ins Phrasenschwein fällig gewesen, hier ging er straffrei aus und der Pulli blieb ungewaschen am Mann. Wenige Wochen später, nach der ersten Niederlage am 15. Spieltag der Bundesliga, hatte er seine Magie vollends eingebüßt und wurde daraufhin für einen guten Zweck versteigert mit dem beachtlichen Erlös von 36.000 Mark.

Bleibt noch festzuhalten, dass der Weg des SVA im Pokalwettbewerb über Hessen Kassel im Achtelfinale ins Viertelfinale führte, wo man als einzige verbliebene Amateurmannschaft einen weiteren Bundesligisten, den SV Werder Bremen, vorgesetzt bekam und diesem zu Hause am 9. März 1988 mit 1:3 unterlag. Anders als die Domstädter waren die Werderaner vorgewarnt und nicht gewillt, den SVA zu unterschätzen, weswegen sie von Beginn an ihre starke Physis in die Waagschale warfen und schon früh für klare Verhältnisse sorgten. Den bekannten Schlager „Wunder gibt es immer wieder“ von Katja Ebstein straften sie damit Lügen, konnten aber gleichwohl das beste Abschneiden der Viktoria in ihrer leider etwas dürftigen  DFB-Pokal-Geschichte nicht verhindern. Wolfgang Fleischer

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