Den eigenen Charme in den Dienst der Viktoria gestellt

Heinz Stenger am vergangenen Montag im Alter von 86 Jahren verstorben / Die Nachwuchsarbeit war sein großes Steckenpferd

Ob in der Familie oder im Verein: Vater war Heinz Stenger mit Leib und Seele. Beide, die leiblichen Kinder wie Generationen von Viktoria-Junioren, sind unter der liebevollen Obhut von Heinz Stenger aufgewachsen und flügge geworden. Als letzter Akt im Drehbuch des Lebens ist immer der ebenso schmerzliche wie unausweichliche Prozess von Abschied und Loslassen festgeschrieben: Am 26. August 2019 ist Heinz Stenger im Alter von 86 Jahren im Kreise seiner (in des Wortes zweideutiger Bedeutung) „Familie“ friedlich entschlafen.

Viktoria Aschaffenburg nimmt Abschied vom Ehrenvorsitzenden Heinz Stenger (© Moritz Hahn)

„Als junger Bub“ sei er 1945 von Rot-Weiß Aschaffenburg zur Viktoria gewechselt, schilderte Heinz Stenger in einem vor fast sieben Jahren anlässlich seines bevorstehenden 80. Geburtstages geführten Interview sein weiß-blaues Erweckungserlebnis. Zur Funktionärstätigkeit motiviert wurde er dann Anfang der 70er Jahre vom seinerzeitigen Jugendleiter und begnadeten Stadionsprecher Rudi Osé. Er war dann unter anderem lange Jahre als Jugendleiter für die Ausbildung des Nachwuchses verantwortlich und half manch einem Viktoria-Talent beim Start in eine Bundesliga-Karriere. Heinz Stenger wusste genau, woher in all den Jahren die nötige Rückendeckung kam: „Ohne die Hilfe meiner Frau Gerda hätte das niemals funktionieren können.“

Aus der Kriegsgeneration stammend, zählten zu seinen großen sportlichen Vorbildern naturgemäß die Viktoria-Nachkriegsikonen Heinz Budion, Hans Neuschäfer und Hubert Staab. Mit letzterem verband ihn zeitlebens eine enge Freundschaft.

„Heinz Stenger Haus“: ein Denkmal für kostensparendes Bauen

Ein enger Weggefährte war immer auch Wolfgang Waschulewski, der Heinz Stenger aus langjähriger Zusammenarbeit im Vorstand kennt wie kaum ein anderer. „Er war einer mit Ecken und Kanten, ein ganz besonderer Mensch, der sich immer vehement für die Belange der Viktoria eingesetzt hat. Er hat seine Ziele die Viktoria betreffend immer erreicht. Nicht von ungefähr war er einer von zwei noch lebenden Ehrenpräsidenten des Vereins (neben Horst R. Schmidt). Heinz war ab Mitte der 60er Jahre für die Viktoria in der Tennis- und Fußballabteilung ununterbrochen tätig. Noch 1992 fungierte er mit mir zusammen bis zur Übergabe an das Präsidium Neumeier/Geibel als Notvorstand“, hält er noch einmal Rückschau auf die gemeinsame Zeit.

Heinz Stenger (rechts) zusammen mit Horst R. Schmidt (Archiv)

Stenger darf sich auch als „Baumeister“ der Viktoria bezeichnen lassen. So war er für den Bau des Vereinsheims Anfang der 70er Jahre und die Anlage der Tennisplätze Ende der 70er/Anfang der 80er Jahre verantwortlich. Als seine letzte Amtshandlung ging der Bau des Jugendhauses unter der Präsidentschaft von Heinrich Fußbahn und Herbert Euler zu Beginn der 2000er Jahre in die Annalen des Vereins ein. Dabei kam Heinz Stenger, wie sich Wolfgang Waschulewski schmunzelnd erinnert, seine ihn auszeichnende „Penetranz“ in Viktoria-Angelegenheiten zugute: „Der Heinz war ein Charmeur hoch fünf. Wenn man ihn vorne rausgeworfen hat, kam er hinten wieder rein. Die Baumaterialien für das Jugendhaus hat er ja zusammengebettelt. Wenn er nicht beim ersten Mal die Fliesen bekommen hat, dann hat er sie eben beim zweiten Mal bekommen. Er war eben immer für seine Viktoria da, so haben ihn alle gekannt.“ Diese „Penetranz“ aus Liebe zur Viktoria hat der Verein hellsichtig im letzten Jahr eingehend gewürdigt, indem er das bis dato namenlose Jugendhaus auf den Namen „Heinz Stenger Jugendhaus“ taufte und so dem unermüdlichen Streiter für die Jugendarbeit schon bei Lebzeiten ein Denkmal gesetzt hat.

Intimus „Waschu“: Die letzte gemeinsame Zigarre ist noch nicht lange her…

Wolfgang Waschulewski verband mit Heinz Stenger nicht nur eine sehr gute Zusammenarbeit, sondern auch privat eine Freundschaft: „Wir waren auch zusammen im Urlaub. Die letzte Zigarre mit ihm habe ich Anfang Juli im Matthias-Claudius-Heim geraucht. Bis ins hohe Alter hatten wir engen Kontakt.“

Die letzte Zigarre mag nun erloschen sein, aber ihr Aroma wird noch lange Zeit in der Luft hängen und den weiß-blauen Geruchssinn beschäftigen. A propos Vermächtnis… Befragt nach seinem sportlichen Wunsch für die Viktoria gab Heinz Stenger vor sechs Jahren eine Antwort, die heute an Aktualität nichts eingebüßt hat: „Ich würde mir wünschen, dass die Mannschaft die Regionalliga halten kann und mittelfristig wünsche ich mir einen Aufstieg in die 3. Liga. Wünschen darf man sich ja bekanntlich, was man will.“ Ein typischer Vater eben, der Heinz: Eine gewisse väterliche Skepsis seinen Sprösslingen gegenüber schwingt schließlich bei jedem Familienoberhaupt mit. Diese „wohlmeinende Skepsis“ nachhaltig auszuräumen, käme einer sportlichen Verneigung der Mannschaft vor dem großen Vereinsidol gleich.

Also Jungs, vor jedem Spiel dran denken: Heinz schaut von oben zu…

Wer Heinz Stenger die letzte Ehre erweisen will: Die Trauerfeier findet am kommenden Donnerstag, 29. August, um 10 Uhr auf dem Aschaffenburger Waldfriedhof statt.

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