Hot! Offener Brief des Verwaltungsrats-Vorsitzenden Hans Nolte: „Mission completed – Time to say Goodbye!“

Liebe Viktorianer,

30 Jahre fuhr ich täglich von Aschaffenburg nach Dreieich in meine Firma.

Im Mai kommenden Jahres sind es 30 Monate, die ich von Dreieich nach Aschaffenburg gefahren sein werde, um mitzuhelfen, der Stadt ihre traditionsreiche Sportmarke „Viktoria“ zu erhalten.

Die Viktoria ist nach einem völligen Neuanfang wieder ein lebendiger Teil der Stadt und der Region.

12.000 Zuschauer haben die bisherigen 12 Heimspiele der Saison 2012/2013 in der Regionalliga Bayern verfolgt; allein 4.000 pilgerten anläßlich des Gastspieles von Bayern Münchern II zum Schönbusch, die Viktoria  schaffte es endlich wieder mit sportlichen Schlagzeilen auf die Titelseite des Main Echo. In der „aretas-Lounge“ im Stadion trifft sich lokale und regionale Prominenz aus Politik und Wirtschaft, das Stadion-Magazin „Heim-Spiel“ findet selbst an Tankstellen und in Burger-Restaurants ein neues Publikum für den Verein. Das Erscheinungsbild der Viktoria ist von der Top-Agentur „Büro KA“ bis ins Detail „durchgestylt“, eine neue Homepage wurde von den Profis von „digital.branding“ gestaltet, die Mannschaften, komplett von „adidas“ eingekleidet, repräsentieren die Stadt in Bayern, das mit dem „Aschaffenburger Bus“ in Viktoria-Farben bereist wird.

Der Verein bezahlt sämtliche Verbindlichkeiten pünktlich und bleibt niemanden auch nur einen Cent schuldig. Allen Verpflichtungen auch gegenüber der öffentlichen Hand und den Sozialversicherungsträgern wird peinlich genau und pünktlich nachgekommen. Die Politik in Stadt und Landkreis äußert sich stolz über ihr „sportliches Aushängeschild“ und im Internet-Fernsehen von BFV.TV wird über jedes Viktoria-Spiel berichtet. Die neuen Werbebanden rund um das Spielfeld im Stadion sind nahezu ausgebucht, die jetzt vollständig in Vereinseigentum befindliche Gaststätte ist sehr gut besucht und erwirtschaftet ihre Pacht. Die Tilgung des lfd. Kredites für das Jugendheim ist ununterbrochen fortgeführt worden, mehrere neue Kleinbusse stehen für unsere Jugendmannschaften vor dem Vereinsheim.

Die durch meine Mithilfe erreichbaren Ziele sind erreicht.

Sie alle wissen, daß ich gerne mit Ihnen gemeinsam mehr erreicht hätte; leider war es meinem Team aus ausgewiesenen Fachleuten in den Bereichen Vereins-management, -marketing und –kommunikation nicht vergönnt, die Saat seiner engagierten Arbeit in Aschaffenburg aufgehen zu sehen. Wir müssen dafür strukturelle Gründe erkennen, die nicht durch ein geduldiges Weiterarbeiten aus der Welt geschafft werden können.

Bei der Neuwahl des Verwaltungsrates des Vereines im Juni 2013 werde ich deshalb als Kandidat nicht mehr zur Verfügung stehen.

Ich teile Ihnen dies bereits heute mit, um Ihnen, den Mitgliedern des Vereines, die künftigen Geschicke der Viktoria rechtzeitig und mit demselben Nachdruck anzuempfehlen, mit dem der Verein auf eine breite Unterstützung angewiesen ist, wenn er das Erreichte nicht wieder verlieren möchte.

Zu meinem Bedauern stagniert die Mitgliederzahl des Vereines. Die Aufforderung an die Mitglieder, aktiv neue Mitstreiter zu gewinnen verhallte nahezu ungehört. Es ist ja leider so, daß „Facebook“-Fans (immerhin fast 1.600 Menschen zählen dazu) weder Mitgliedsbeiträge noch Eintrittsgelder zahlen. Die „Virtualisierung“ der Gesellschaft schwächt die Gemeinschaft. „Fußball satt“ in HD und 3D ist in die kleinen Gemeinden im Spessart vorgedrungen, aus denen sich vor Jahren die Zuschauerscharen am Schönbusch rekrutierten.

Die zahlreichen Gespräche in den letzten Monaten haben mich gelehrt, daß für die Viktoria in der 4. Liga, der Regionalliga Bayern, die Reise und der Aufstieg in die „Top 100“ der deutschen Fußball-Adressen endet.

Der Deutsche Fußball-Bund und die Deutsche Fußball Liga haben, gemeinsam mit dem Bezahlfernsehen, eine hohe Mauer um die drei-klassige Welt des Profi-Fußballs gezogen, die nur unter Inkaufnahme erheblichster wirtschaftlicher Risiken und mit einem gewaltigen, finanziellen  Aufwand durchbrochen werden kann. Für die Viktoria in ihrem gegebenen Umfeld ist eine dabei in Rede stehende Vervielfachung ihres heurigen Jahresetats jetzt und auch in Zukunft unvereinbar mit ihrer Maxime einer „Null-Schulden-Politik“.

Das sich bewußt konservativ gebende Aschaffenburg weist als Verwaltungs- und Dienstleistungs-Unterzentrum ohne nennenswerte Arbeiter-Kultur kein vielköpfiges, per se ein politisches Momentum bildendes „fußball-typisches“ Klientel auf. Der breite Konsens quer durch alle politischen Gruppierungen wird in der Stadt – anders als in Orten, die über eine Tradition des Kampfes und der Auseinandersetzung mit wechselnden, klar positionierten Mehrheiten verfügen –  sehr konsistent gelebt.

Auch wenn dies der Viktoria nicht zum Vorteil gereicht, kann die kommunale Politik insgesamt so falsch nicht liegen, bietet Aschaffenburg doch unstrittig eine hohe Lebensqualität mit einem funktionierenden (siehe das Beispiel „Grenzenlos“) Netz sozialer Verantwortung. Vergessen wir zudem nicht, daß die Stadt erst in diesem Jahr ihren Vereinen (N.B. nicht explizit der Viktoria) einen neuen Kunstrasenplatz gebaut hat und daß sich die städtischen Rasensportplätze, darunter der im Stadion am Schönbusch, insgesamt in einem tollen Zustand befinden. Das kostet viel Geld.

Das System der Gleichbehandlung aller Vereine, gleichwohl, wird nach einem  „gewogenen  Gießkannenprinzip“ praktiziert. Ein deutliches Bekenntnis zu nur einem von insgesamt sehr vielen Sportvereinen und/oder nur einer Sportart gilt in Aschaffenburg als eher „politisch unkorrekt“.

Die Politik handelt dabei nur folgerichtig und keinesfalls vorwerfbar, wenn sie das öffentliche Interesse und mithin den Grad ihres Engagements an und bei der Viktoria an deren Mitglieder- und Zuschauerzahlen festmacht. Gewiß haben Traditionsvereine in anderen Städten und Landkreisen den Vorteil, daß deren Oberbürgermeister („ich wünsche Ihnen weiterhin viel Glück…“), Landräte („Ich bin mit Leib und Seele Handballer“) oder IHK-Präsidenten („fällt nicht in unsere Obliegenheiten“) fußballbegeistert sind, aber die Diskussion um Henne und Ei beginnt frühestens dann, wenn das Publikum überhaupt Omelett auf der Speisekarte sehen möchte

Diese Tatsache hindert kommunale Betriebe (etwa die Sparkasse oder die AVG), sich in einer finanziellen Größenordnung bei Viktoria zu engagieren, die anderenorts als Grundvoraussetzung für den Aufstieg und das Bestehen in eine(r) Profi-Liga erkannt und gegeben ist.

Als ein Geschäftspartner der Sparkasse Aschaffenburg, der für das Institut jährlich Erträge in siebenstelliger Höhe gewährleistet, war es mir nicht möglich, auch nur 10 Prozent des aus dieser Geschäftsbeziehung resultierenden Netto-Gewinnes des Finanzinstitutes als Spende für die Aschaffenburger Viktoria zu akquirieren.

Die Netto-Aufwendungen des Vereines für von der städtischen AVG bezogene Energielieferungen sind auch in 2012 in der Summe höher als die von dem Unternehmen an die Viktoria geleisteten Zahlungen im Sport-Sponsoring.

In diesem Umfeld verbietet sich jeder Gedanke z.B. an eine kommunale Millionen-Investition in ein Bundesliga-Ansprüchen genügendes Stadion, das ja quasi für die Viktoria errichtet würde. Unstrittig ist nach objektiven Maßstäben allemal, daß die Kommune andere, wichtigere Aufgaben hat.

Aschaffenburg ist (leider oder Gott sei Dank?) weder Sitz oder Produktionsstätte eines bedeutenden Automobilherstellers, Chemie-, IT- oder Finanz-Konzerns.  Ein „Hauptsponsor“, der einen hohen sechs- oder gar siebenstelligen Löwenanteil eines Drittliga-Etats beisteuern könnte, ist in Stadt und Landkreis nicht ansässig. Als vermeintlich wirtschaftsstark erkannte Unternehmen in der Region entpuppen sich bei näherer Betrachtung als Anhängsel ortsfremder Interessenträger ohne tatsächlichen Bezug zur Stadt, oder sie werden bezüglich ihrer Leistungsfähigkeit in der Öffentlichkeit schlechterdings überschätzt.

Was bleibt, ist ein breiter Mittelstand. Nie zuvor in der Geschichte der Viktoria ist es – wie in der laufenden Saison – gelungen, ein Budget von mehreren hunderttausend Euro aus einer Vielzahl von Einzelbeträgen zwischen unter 500,– und bis maximal 40.000,– Euro von über fünfzig Unternehmen in und um Aschaffenburg zu akquirieren.

Nicht möglich ist es jedoch, weder die einzelnen Beträge jeweils zu verzehnfachen, noch statt 50 künftig 500 Unternehmen in der Region in das Sponsoring der Viktoria einzubinden.

Ergo: die Wirtschaftskraft des Standortes Aschaffenburg ist nicht ausreichend, um hier nachhaltig einen Profi-Sportverein zu etablieren. Daß diese Wahrheit auch die Freunde (und Mitbewerber um Sponsoring-Mittel) des Handball-Bundesligisten TVG trifft, kann und wird für uns Fußball-Freunde keine Genugtuung sein.

 

So gilt: Viktoria, bleibe im Lande und nähre Dich redlich!

Mit der Regionalliga Bayern hat die Viktoria eine neue, in der Gesamtschau ihr in jeder Weise angemessene Heimat gefunden, in der sie bei vernünftigem Haushalten immer zu den wenigen „Bessergestellten“ zählen wird, die ab und an auch mehr als 500 Zuschauer begrüßen dürfen.

Wenn wir die aktuell sicherlich „drittligareifen“ Strukturen des Vereines in Bezug auf Management, Marketing oder Öffentlichkeitsarbeit nun wieder den tatsächlichen Erfordernissen in der Regionalliga Bayern anpassen, ist das nicht das Ende der Viktoria, die in den vergangenen 111 Jahres größere Krisen zu bewältigen hatte.

Der Verein wird die laufende Saison erneut völlig schuldenfrei beenden.

Das Präsidium, dem mit Markus Kammann ein Mann vorsteht, der in seinem Beruf als Richter daran gewohnt ist, unter Bewertung aller ihm bekannten Fakten Urteile zu fällen und dem wir zutrauen dürfen, sachgerecht entscheiden zu werden, hat noch mehr als 100 Tage Zeit, um die künftige Qualität (und Quantität) der Brötchen, die am Schönbusch gebacken werden, zu definieren. Für Schwarzmalerei besteht m.E. kein Anlaß, der Zustand des Vereines im Sommer 2013 wird aber auch gar nichts gemein haben mit der Situation im Winter 2010.

Gerne bleibe ich Mitglied unserer Viktoria und werde dem Verein auch in den kommenden Jahren als Sponsor zur Verfügung stehen.

 

Herzlichst

Ihr

Hans Nolte

4 Kommentare

  1. Das nenne ich mal ein offenes und wahrscheinlich ehrliches Statement ohne großes Herumgeeiere und Herumgejammere.

  2. Hallo Herr Nolte, vielen Dank für Ihr Interesse und Engagement an unserer Viktoria. Sie haben in der Viktoria „gesät“ und es bedarf eines langen Atems um Erfolg zu „ernten“. Ich bin über 40 Jahre in einem Sportverein aktiv und in führender Funktion gewesen. Aus meinen Erfahrungen geht es schnell bergab (siehe Insolvenz bei der Viktoria) aber es bedarf in der Regel der vierfachen Zeit, bis dies wieder aufgeholt ist. Bei der Viktoria wächst z. Zt. etwas und das braucht Zeit, um tiefe Wurzeln zu ziehen, damit es beim ersten Gegenwind auch Bestand hat. Die Wirtschaft in Aschaffenburg ist auch bereit die Viktoria finanziell zu unterstützen, aber viele beobachten das, was da wächst noch skeptisch. Die Vergangenheit der Viktoria hat viele Sponsoren verärgert, da die gespendeten Gelder dazu verwendet wurden, die Schulden zu tilgen und nicht zur Verbesserung der Mannschaft eingesetzt wurde. Auch die Mitgliederzahl wird langsam wachsen, denn viele Mitglieder die „schnell“ kommen, werden auch „schnell“ gehen. D. h. auch die Aschaffenburger Bevölkerung überlegt sich eine Mitgliedschaft noch und wird alles bei der Viktoria sehr genau beobachten. Wenn alle paar Monate solche Nachrichten in der Presse erscheinen, dann ist dies nur Wasser auf die Mühlen der Skeptiker. Sportlich wird sich die Viktoria – bei der hervorragenden Jugendarbeit – weiter nach oben gehen. Es werden aber nur kleine Schritte sein. Nicht abzusteigen ist das erste Nahziel, um dann im nächsten Jahr konstant einen ungefährdeten Mittelplatz anzustreben. Auch viele Fußballer aus unserer Region, die z. Zt. noch im Profi-Fußball aktiv sind, können in der Zukunft die Korsettstangen für die Talente aus unserer Jugend sein. In diesem Sinne hoffe ich, dass Sie Ihr Herz für die Viktoria öffnen und mit Geduld die rosige Zukunft unserer Viktoria miterleben. Vielen, vielen Dank !!!

  3. Rom ist nicht an einem Tag erbaut worden. Mehr als 20 Jahre Misswirtschaft haben bei potentiellen Sponsoren und Zuschauern Spuren hinterlassen. Ich wünschte mir, Sie hätten einen längeren Atem. Dennoch vielen Dank für Ihr tolles Engagement und Ihre Unterstützung.

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