Hot! „Das Abenteuer Regionalliga wird immer ein Abenteuer bleiben“

Zwischen Nachdenklichkeit und Zuversicht: Viktoria-Coach Jochen Seitz und sportlicher Leiter Eric Rasp im Interview

Interviews stehen und fallen für gewöhnlich mit der Deutlichkeit der darin getätigten Aussagen. Vor diesem Hintergrund ist unser mit Viktoria-Coach Jochen Seitz und dem designierten neuen sportlichen Leiter Eric Rasp geführtes Interview, dessen Zeitpunkt vor den Relegationsspielen wohl gewählt ist, ein besonders wertvolles. Die beiden beleuchten darin alle Facetten des „Abenteuers Regionalliga“ und befreien rigoros von unrealistischen Erwartungen. Eine Pflichtlektüre für jeden Stadionbesucher, um im Falle eines Aufstiegs seiner Lieblinge in Bayerns Elite-Liga die gezeigten Leistungen richtig einzuordnen und gegebenenfalls zu würdigen.

Viktoria-Trainer Jochen Seitz hat sich vor der Relegation unseren Fragen gestellt (© Moritz Hahn)

Jochen, nach dem Erringen der Vize-Meisterschaft heißt es nun nachsitzen für die Jungs. Sorgen die trödelnden Löwen für größere Komplikationen?

Jochen: „Grundsätzlich wäre es natürlich besser gewesen, wenn wir direkt hätten spielen können. Aber wir können es leider Gottes nicht ändern, insofern müssen wir die Situation so annehmen wie sie ist. Die Spieler haben in punkto Urlaubsplanung schon das eine oder andere Problem, das gelöst werden muss. Da müssen wir auch behilflich sein, manch ein Urlaub muss vielleicht auch mal umgebucht werden. Das ist keine einfache Situation, aber auch die werden wir hoffentlich zu einem guten Abschluss bringen.“

Eine Frage, die sicherlich vielen auf den Nägeln brennt, betrifft die Kaderplanung. Betreibt ihr diese zweigleisig oder unabhängig von der Liga?

Eric Rasp: „Zunächst einmal ist die Kaderplanung unabhängig von der Liga. Wir planen für beide Ligen gleich, haben aber natürlich im Hinterkopf, dass wir uns entsprechend verstärken müssen, sollte es wirklich die Regionalliga werden. Nur so haben wir eine Chance zu bestehen. Das wissen wir und planen auch zweigleisig, aber wir können uns erst mit dem Thema befassen, wenn wir den Aufstieg realisiert haben. Dann gestalten sich auch die Gespräche mit den Spielern einfacher. Alle derzeit bestehenden Verträge sind sowohl für die Regionalliga als auch für die Bayernliga gültig.“

Eric Rasp führt aktuell Verhandlungen mit Spielern und potentiellen Neuzugängen (© Marian Hartmann)

Wie gewichtet ihr die Abgänge?

Jochen: „Die Spieler, die uns verlassen haben, tun uns von der Qualität her natürlich weh. Jeder Einzelne hat zu diesem Erfolg beigetragen. Wir müssen sehen, dass wir diese adäquat ersetzen bzw. im Aufstiegsfalle mit Spielern ersetzen, die uns auch in der Regionalliga weiterhelfen.“

Eric: „Es ist natürlich schon schwer, im vorgegebenen Finanzrahmen Spieler zu finden, die in das Gefüge passen. Ich denke da an hoffnungsvolle junge Spieler, die sich schon ein paar Sporen verdient haben, einen alten, abgezockten Spieler sehe ich eher nicht auf unserer Rechnung. Aber das muss man erst noch sehen.“

Für die Vorjahres-Aufsteiger Hof und Seligenporten gab es kein Happy-End. Gibt es aus den drei zurückliegenden Regionalliga-Spielzeiten irgendwelche Erfahrungen, die der SVA nutzbringend für sich einsetzen könnte?

Eric: „Für unseren Verein liegen die Erfahrungen insoweit fern, als wir, sollten wir aufsteigen, von Anfang an gegen den Abstieg spielen. Im Klartext: Wir werden immer zu den fünf, sechs Mannschaften gehören, die unter Amateurbedingungen die Plätze 12 bis 18 ausspielen werden. Wenn du Glück hast, dann hast du am Ende wie Rosenheim oder Garching ein paar Punkte mehr, aber im Normalfall stehen die Aufsteiger immer erstmal unten drin. Um zuverlässig im gesicherten Mittelfeld oder gar oben mitspielen zu können, müsste man einen Etat aufrufen, der aktuell nicht im Rahmen unserer Möglichkeiten liegt. Das Abenteuer Regionalliga wird also für die Viktoria immer ein Abenteuer bleiben. Allerdings: Risikoscheu waren wir beim SVA noch nie.“

Jochen, unter den von Eric geschilderten Voraussetzungen, sieht man da den Aufstieg als Bürde, als Herausforderung oder beides?

Jochen: „Das ist eine gute Frage. Man muss natürlich auch immer die mentale Situation der einzelnen Spieler sehen. In der Bayernliga hast du die Möglichkeit, das Ganze positiv zu gestalten, auch für die Zuschauer. Du wirst die meisten Spiele gewinnen, du wirst oben dabei sein. In der Regionalliga ist das genau der gegenteilige Fall. Du wirst viele Spiele verlieren, die Zuschauer werden des Öfteren unzufrieden sein. Das ist eine ganz gefährliche Situation für die Viktoria. Da müssen Verein wie auch die Fans Geduld aufbringen. Eric hat es schon gesagt: Viktoria Aschaffenburg ist ein sehr guter Bayernligist, aber ein schlechter Regionalligist. Natürlich wäre man als Trainer froh, wenn man mal drei, vier unbedingt Regionalliga-taugliche Spieler holen könnte, auch Führungsspieler, mit denen der Verbleib in der Regionalliga nicht jedes Mal zum Vabanque-Spiel wird. Das ist aktuell nicht möglich, denn wir müssen uns nach unserer Decke strecken. Das sollte jeder auch dann noch im Hinterkopf haben, wenn die erste Aufstiegseuphorie einmal verflogen sein wird.“

Wir haben die beiden Relegationskandidaten schon in kurzen Porträts vorgestellt. Welcher wäre denn Euer Wunschgegner?

Jochen: „Schwer zu sagen. Vom punktemäßigen Abschneiden her gibt es keinen großen Unterschied. Auf Greuther Fürth kann man sich gar nicht vorbereiten, da man nicht weiß, welche Spieler auflaufen werden. Im Fall von Seligenporten wüsste man immerhin, dass sich hinsichtlich der Aufstellung nicht großartig was ändert. Was also die Vorbereitung auf das Spiel angeht, wäre Seligenporten sicherlich die einfachere Variante. Ob das dann wirklich einfacher wird, bezweifle ich, denn als Außenseiter gelten wir als klassentieferes Team auch in diesem Fall. Wie schon in den letzten Spielen werden wir alles probieren und die Mannschaft auch mental auf den Punkt vorbereiten. Mit den Zuschauern im Rücken ist dann einiges möglich.“

Dank drei Siegen im Saisonfinale dürfen die Viktorianer um Kevin Wittke vom Aufstieg träumen (@ Moritz Hahn)

Vielen Fans kommt aus aktuellem Anlass wieder schmerzhaft in Erinnerung, dass im vergangenen Jahr in der (Abstiegs-)Relegation die Viktoria von zwei Chancen keine nutzen konnte. Könnt ihr nachempfinden, dass manch einer nun ein mulmiges Gefühl hat?

Eric: „Natürlich kann ich das nachvollziehen, vor allem weil wir auch ein relativ kritisches Publikum haben. Es ist ja jetzt nicht so, dass wenn sagen wir 3.000 Zuschauer kommen, sich alle 3.000 freuen und sagen: Juhu die Viktoria ist trotz der ganzen Situation wieder in der Aufstiegsrunde zur Regionalliga, sondern es sind auch viele dabei, die sich denken: Ich bin mal gespannt, ob sie es dieses Mal schaffen. Manch ein Spieler könnte das intuitiv spüren und daraufhin verkrampfen. Wenn uns aber die Zuschauer wie im letzten Spiel bedingungslos nach vorne peitschen und der Funke überspringt, dann habe ich keine Bedenken, dass der eine oder andere Spieler eine Blockade haben könnte. Kurz: Wenn die Zuschauer uns helfen, ist alles möglich.“

Wir wollen es nicht hoffen, aber nehmen wir mal an, der Aufstieg gelänge nicht. Vor der folgenden Bayernliga-Saison würde man dann von der Konkurrenz mit Sicherheit in der Meisterschaftsfrage auf den Favoritenschild gehoben. Wie gehst Du damit um bzw. würdest Du Dir diesen Schuh anziehen?

Jochen: „Grundsätzlich: Jeder Spieler geht in eine Saison hinein und will jedes Spiel gewinnen. Natürlich läuft das in der Regel nicht so. Wir haben ja auch in der kommenden Saison wieder Absteiger, die in die Bayernliga zurückkehren und dort mit Titelambitionen starten. Es gibt auch dann wieder fünf, sechs Mannschaften, die um den Aufstieg mitspielen, die ein oder andere Überraschungsmannschaft inklusive. Wir werden dann wieder die ersten zwei Plätze im Visier haben. Was im Endeffekt dabei herauskommt, muss man sehen. Wir können aber nicht so vermessen sein, uns hinzustellen und zu sagen: Wir wollen in der nächsten Saison Platz eins belegen und aufsteigen. Das wäre mir etwas zu einfach. Wir sollten die uns gegebene Zeit darauf verwenden, uns auf allen Ebenen kontinuierlich weiterzuentwickeln. Kurz- bis mittelfristig sollten wir in der Regionalliga ein festes Standbein haben.“

Eric: „Stand heute werden wir dem Gros der Mannschaft weiterhin vertrauen, weil sie meiner Meinung nach sehr viel geleistet hat. Aber wir werden dann schon versuchen, peu à peu auch das spielerische Level zu erhöhen. Unter den Top-3 sollte man die Messlatte nicht auflegen. Ich gebe allerdings zu bedenken, dass im schlechtesten Fall vier Wochen nach dem letzten Relegationsspiel die Runde schon wieder losgeht. Wenn wir in der Relegation positiv abschneiden, ist das weniger ein Problem, wenn es aber schlecht läuft, müssen wir sehen, dass wir das zügig mental verarbeiten. Bis zum Rundenstart sollte das aus den Köpfen draußen sein. Eine physische Müdigkeit zu Saisonbeginn wegen der stark verkürzten Regenerationsphase wird wohl nicht zu vermeiden sein. Auch hier sind wieder die Fans gefragt, um der Mannschaft über das Tief hinwegzuhelfen. Wir gehen aber immer vom Positiven aus: Wir wollen aufsteigen und wir schaffen das.“

Habt Ihr noch etwas, was euch am Herzen liegt und das ihr im Rahmen dieses Interviews loswerden wollt?

Jochen: „Ich möchte noch einmal betonen, dass wir unseren Spielern uneingeschränkt vertrauen und an ihre charakterliche Stärke glauben. Die positive Grundstimmung ist bei uns vorhanden und sollte sich auch auf das Umfeld übertragen. Eine differenzierte Betrachtungsweise des Themas steht dazu nicht im Widerspruch, eher im Gegenteil. Im Übrigen würde ich den Vergleich zum Vorjahr so nicht ziehen. Die Mannschaft hat wie eingefordert die letzten drei „Endspiele“ gewonnen, ist also keine „Verlierermannschaft“. Sie hat ihr großes Ziel Relegation geschafft und ist sehr wohl imstande, sich selbst zu motivieren. Als Trainer kann man die Jungs im Vorfeld der Partie „heiß machen“, aber im Spiel steht man ja nicht selbst auf dem Platz. Ich bin zuversichtlich, dass wir die Aufstiegschance nutzen können. Noch etwas: Wir arbeiten an etwas Großem, Sponsoren dürfen sich ruhig auch angesprochen fühlen…“

Eric: „Ich greife Jochens Wort von der positiven Grundstimmung auf. Einfach mal sagen `Wir schaffen das` und nicht von Vorherein schon unken, dass es wieder so ausgehen könnte wie letztes Jahr.“

Danke, Jochen und Eric, für das Interview. Euch und der Mannschaft alles Gute für die anstehenden Relegationsspiele!

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