Hot! „Sehr freundschaftlich und von gegenseitigem Respekt geprägt“

Im Interview mit Vorstandssprecher Holger Stenger wird deutlich: Ein neuer Umgangston innerhalb der Viktoria räumt mit dem Irrtum auf, dass streitbare Ansichten zwangsläufig zu Streit führen müssen

Im 4. Teil unserer Sommerinterview-Reihe fügt Vorstandssprecher und Vorstand Marketing Holger Stenger dem zuvor von seinen Vorstandskollegen präsentierten Fakten seine eigenen atmosphärischen Beobachtungen rund um den Verein hinzu und versieht diese mit dem für ihn charakteristischen aufgerauten Charme, der ihn in den vergangenen Jahren zur Vereins-Identifikationsfigur werden ließ. „With a little help from her friends”, so die musikalische Botschaft des mit jahrzehntelanger Bühnenerfahrung glänzenden Joe Schockers, wird die Zukunft der alten Dame Viktoria alles andere als ein „Schocker“ sein.

Holger Stenger (© Moritz Hahn)

Holger, die Eingangsfrage an jemanden, der seine Fühler in Stadt und Landkreis hat. Hast Du eine Klimaveränderung in der öffentlichen Wahrnehmung der Viktoria bemerken können?

Als wir anfingen, stieß man allein bei der Nennung des Namens Viktoria auf breite Ablehnung. Um diese Vorbehalte allmählich abzutragen und dann sukzessive eine Entwicklung in die entgegengesetzte Richtung in Gang zu setzen, mussten wir manch dickes Brett bohren. Heute können wir mit Stolz sagen: Das Interesse ist um ein Vielfaches gewachsen. Jeder will was wissen, jeder fragt. Selbst wenn Spieler zu einem anderen Verein gehen, bekommt man Nachrichten geschickt: Haltet bloß die Klasse, ihr schafft das… Schlug unseren Mannschaften auf örtlichen Turnieren wie dem Brass-Cup anfangs Feindseligkeit entgegen, so werden unsere sportlichen Erfolge mittlerweile vom Publikum ausgesprochen wohlwollend quittiert.

Glaubst Du, dass die sportliche Ausgangslage eine andere ist als in den vergangenen Aufstiegsjahren? Ziel ist ja nach wie vor, sich in der Regionalliga zu etablieren…

Das Ziel ist ganz klar, dass wir uns nach und nach in der Regionalliga etablieren. Das hängt aber von vielen Faktoren ab, zum Beispiel von der Frage, ob wir genug Sponsoren haben beziehungsweise in der Lage sind, neue zu generieren. Schaffen wir es zudem, die Zuschauerzahlen zu halten oder möglicherweise gar zu erhöhen, dann können wir uns vielleicht noch mal in der Winterpause bewegen. Ich denke, dann sind wir ganz gut aufgestellt.

Marketing fällt ja in Deinen Zuständigkeitsbereich. Hast Du den Eindruck, dass potentielle Geldgeber sich unter dem Eindruck der jüngsten Entwicklungen proaktiver verhalten?

Das auf jeden Fall. Mittlerweile passiert es schon mal, dass das Telefon klingelt und jemand dran ist, der sich bei der Viktoria engagieren möchte. Das war am Anfang gar nicht der Fall, da war die Sponsorensuche ein reines Klinkenputzen. Das hat sich also definitiv verbessert. Ich mache momentan sehr viele Termine mit Manfred und wir sind nie ohne irgendeinen Erfolg aus den Gesprächen rausgegangen.

Holger Stenger und Jochen Seitz bei der PK (© Moritz Hahn)

Der derzeit zur Verfügung stehende Etat zeigt aber auch, dass noch viel Luft nach oben ist…

Nach wie vor gilt es, die Außenwirkung der Viktoria zu verbessern. Die Unternehmen müssen sich andererseits ihrer sozialen Verantwortung noch mehr bewusst werden. Es ist ja nicht so, dass wir nur fordern. Wir leisten auch, gerade im Jugendbereich. Fußball ist hierzulande die Sportart Nummer eins und wird es auf lange Sicht auch bleiben. Wir haben so viele Unternehmen außen rum, denen es gut zu Gesicht stehen würde, sich da ein bisschen einzubringen. Jeder ist herzlichst eingeladen, sich einmal vor Ort anzusehen, was wir hier so alles leisten. Es gibt Unternehmen, die beispielsweise exklusive Golfturniere auf der ganzen Welt sponsern, aber der Verein vor der eigenen Tür, der wirklich Großes leisten könnte, wenn man ihm die dazu nötigen Mittel an die Hand gäbe, wird mal tunlichst übersehen. Aber das ist kein spezifisches Viktoria-Problem. Dieses Problem hat jeder Verein unserer Größenordnung in ganz Deutschland.

„Trotz allem“ die Frage: Wie schätzt Du das Potential der Mannschaft ein?

Zunächst mal möchte ich, dass wir nicht absteigen. Viel hängt sicher davon ab, ob wir zum Rundenbeginn das gewisse „Momentum“ auf unserer Seite haben oder nicht. Mein Wunschszenario wäre eine Platzierung zwischen 12 und 14. Einem noch besserem Abschneiden würde ich das Prädikat „überragend“ geben. Ich glaube an die Qualität der Mannschaft und traue ihr durchaus zu, für die eine oder andere positive Überraschung zu sorgen. Was mich in der Einschätzung noch bestärkt: Das Trainerteam macht einen Riesenjob.

Als „Conférencier“ bei den Pressekonferenzen musstet Du in den vergangenen Regionalliga-Spielzeiten schon die eine oder andere vorangegangene Niederlage „verbal aufbereiten“, was Dir nicht immer leichtgefallen ist. In der Bayernliga war der Job zweifellos einfacher.

Wir haben ja alle ein bisschen learning by doing praktiziert. Am Anfang hab ich das aus der Perspektive eines Musikers betrachtet: Eine Pressekonferenz zu moderieren, macht natürlich mehr Spaß, wenn alle begeistert sind als wenn alle von den vorherigen Ereignissen „bedient“ sind. Ich habe in einer Regionalliga-Saison einmal – ich glaube – neun Niederlagen hintereinander „erklären“ müssen, da bin ich um das Zelt herumgeschlichen und habe mich gefragt: Was sagst du heute? Das ist sicherlich nicht schön. Ich habe mir das damals sehr zu Herzen genommen und vielleicht tue ich das auch heute noch. Andererseits bin ich mit der Zeit routinierter und abgeklärter geworden, so dass mich sowas nicht mehr komplett aus den Socken haut. Das sage ich jetzt, aber wenn es dann soweit ist, bin ich doch wieder auf 180… (lacht). Aber das ist ja ein Stück weit meine Art und die möchte ich auch nicht wirklich verändern.

Du bist der extrovertierte Part der Viktoria. Zumindest assoziiert man diesen mit Deiner Person…

Ich sehe zwei Gründe für diese Einschätzung. Zunächst bin ich derjenige, der – die Tätigkeit im Vorstand betreffend – mittlerweile am längsten dabei ist. Zum anderen habe ich in Aschaffenburg und Umgebung einen relativ hohen Bekanntheitsgrad und bin greifbar für die Leute, die darum nicht selten ihre Emotionen – ob nun positive oder negative – bei mir abladen. Was ich in keinerlei Form irgendwie wertend verstanden wissen möchte. Ein Grundprinzip, das wir auch innerhalb des Vorstands beherzigen, ist, dass wir von jedem die jeweiligen Stärken dort zur Geltung bringen, wo sie ihren Platz haben. In der Musikersprache ausgedrückt: Eine Band spielt nur dann gut, wenn alle Mitglieder am richtigen Instrument stehen. Wir sind im Übrigen eine harmonische Band. An einen Streit kann ich mich nicht erinnern, allenfalls an unterschiedliche Sichtweisen, die wir bisher noch immer unter einen Hut gebracht haben. Das verläuft alles sehr freundschaftlich und von gegenseitigem Respekt geprägt.

Eric Rasp hat zuletzt die Probleme um das „1901“ ja schon angerissen. Wie beurteilst Du die Situation als derzeitiger Pächter?

Zunächst einmal möchte ich klarstellen: Dass ich die Kneipe seinerzeit übernommen habe, war eine Notlösung. Ich bin schon seit geraumer Zeit auf der Suche nach einem Nachpächter, der das 1901 übernimmt, habe aber bisher noch keinen gefunden. Die Schwierigkeit ist: Es kommt nur eine vereinskompatible Lösung in Frage, der Interessent muss also unsere Regeln übernehmen. Mit der Übernahme der Kneipe ist man quasi über Nacht so eine Art Hausmeister für alles. Idealerweise sollte der Wunschkandidat auch noch eine Wohlfühlatmosphäre garantieren und Empathie für unseren überaus wichtigen zwölften Mann – den Fan – mitbringen.

Das ist sicherlich eine Hiobsbotschaft für die Fans, die wenigstens zu Teilen dort ihr Wohnzimmer haben. Du bist ja gewissermaßen ein Teil des Interieurs…

Das soll ja auch im Grunde so bleiben. Das „1901“ wird auch weiterhin mein Wohnzimmer bleiben, ich werde auch nach einem Pächterwechsel oft da sein. Aber diese Doppel- und Dreifachbelastung schaffe ich einfach nicht mehr. Solange keine vernünftige Lösung gefunden ist, bleibt alles, wie es ist. Das „1901“ soll auf jeden Fall das Zentrum des Vereins bleiben, für Jugendspieler, Aktive, Fans und Offizielle gleichermaßen. Am Charakter einer „Fußballkneipe“ wird sich also nichts ändern. Das ist mein Wunsch und ist diesem Sinne wird das Vereinsheim auch weitergeführt werden.

Als Außenstehender könnte man den Eindruck gewinnen, dass Dir die Rolle des Gastronomen auf den Leib geschrieben ist. Die Frage steht demnach im Raum: Was müsste sich ändern, um Dich noch umzustimmen?

Das weiß ich gar nicht. So komisch dies erst einmal klingen mag: Ich bin eher ein konservativer Mensch, der gerne tagsüber arbeitet und nachts ruht. Gastronomie ist eine hohe körperliche, aber auch geistige Belastung. Man hat eine Sieben-Tage-Woche und kein Wochenende frei. Diese Faktoren lassen sich nicht ändern, es sei denn, ich würde so viel Umsatz machen, dass ich jemanden einstellen kann. Eine Notlösung – nach dem letzten Pächterauszug wäre die einzige Alternative die Schließung gewesen – geht mittlerweile bald ins dritte Jahr. Klar, es gibt schon Momente, in denen ich hier richtig Spaß habe. Im Grundsatz habe ich meine Entscheidung aber schon getroffen: Ich will nicht bis an das Ende meiner Tage Gastronom bleiben.

…aber wir weigern uns beharrlich, uns vorzustellen, dass Du selbst im Falle eines Pachtwechsels auch nur eine der hoffentlich auch in der Regionalliga zahlreichen Après-Spiel-Partys im „1901“ auslassen könntest. Vielen Dank, Holger, für das informative Interview!

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