Hot! „Meine Vision ist, dass unsere U19 Bundesliga spielt“

Von Bambini-Träumen, unmoralischen Angeboten und der Schaffung von Bleibeanreizen: Viktorias Jugendvorstand Stefan Sickenberger im Gespräch

Viktoria-Jugendvorstand Stefan Sickenberger nimmt im zweiten Teil unserer Sommerinterview-Reihe eine sportliche Standortbestimmung im Juniorenbereich vor und führt aus, was sich ändern müsste, damit auch die Aktiven wieder von der intensiven Talentförderung des hauseigenen NLZ profitieren können. Derzeit erfahre man große Akzeptanz, da viele Vereine die Früchte der Viktoria-Jugendarbeit ernten könnten. Obwohl sich die Viktoria in der neuen Sympathieträger-Rolle gefällt, stellt Stefan Sickenberger klar, dass eine 100-Prozent-Ausbildung für die umliegenden Vereine nicht im Sinne des SVA sein könne. Die momentan zutreffende Aussage „Wir haben viele Spieler mit Viktoria-Vergangenheit, aber die sind alle älter als 20 Jahre“ dürfe nicht auf Dauer Gültigkeit haben.

Stefan, „Für die Viktoria ausbilden“ ist eine eng mit der Talentförderung durch das NLZ verbundene Zielsetzung. Wie bewertest Du vor diesem Hintergrund die Tatsache, dass dieses Jahr kein Spieler den Sprung aus der U19 in den Aktiven-Kader geschafft hat?

Stefan Sickenberger (© Moritz Hahn)

Zunächst mal ist der 99er-Jahrgang, der eben rausgekommen ist, ein „schwieriger“. Für den Fall, dass die Aktiven weiter in der Bayernliga gespielt hätten, hätten wir zwei Spielern das Angebot gemacht, zu bleiben. Der Sprung in die Regionalliga ist allerdings schlichtweg zu hoch. Von einem Spieler weiß ich, dass er jetzt nach Kahl geht. Das ist eine gute Lösung, denn in der Landesliga kann er Spielpraxis sammeln. Welch rauer Wind für gerade der Jugend entwachsene Spieler in der Regionalliga weht, zeigte sich in der Saison 2013/14, als die Viktoria mit zahlreichen Spielern aus dem vorjährigen U19-Bundesligakader des FSV Frankfurt abgestiegen ist. Dennoch lässt sich als Minimalvoraussetzung definieren: Um nachhaltig für die Regionalliga auszubilden, müssten unsere U19-Junioren mindestens unter den Top-3 in der Bayernliga sein. Vor zwei, drei Monaten hatten wir das Thema schon mal intern im Vorstand diskutiert. Uns ist die Problematik durchaus bewusst: Wir machen die Jugendausbildung nicht, weil wir sonst nicht wissen, wohin mit unserer Zeit, sondern weil der Wunsch und die Hoffnung da sind, Spieler – logischerweise aus der Region – für die erste Mannschaft auszubilden. Wenn uns das nicht nachhaltig gelingt, dann müssen wir uns ernsthaft Gedanken um unsere Jugendausbildung machen, genauer gesagt in welcher Form die auch weiterhin am Schönbusch stattfinden soll. Natürlich bilden wir sehr gerne für das Umfeld aus – was wir schon immer tun –, allerdings kann eine 100-Prozent-Ausbildung für die umliegenden Vereine nicht im Sinne von Viktoria Aschaffenburg sein.

Was tut ihr konkret dafür, dass die Viktoria wieder vermehrt die Früchte ihrer Jugendarbeit ernten kann?

Wir haben schon etwas verändert. Wir haben mit der U9, U10 und U11 drei neue Jahrgänge eingeführt. Außerdem haben wir die U13 (frühere D-Jugend) als C3-Junioren aufs Großfeld geschickt. Die U11 spielt bereits aufs Neunerfeld. Vor drei Jahren, als die U15 von der Bayernliga in die Bezirksoberliga abgestiegen ist, habe ich gesagt: Meine Vision ist, dass die U15 Regionalliga spielt. Dieses Jahr haben wir mit der U15 den Meistertitel in der Bayernliga und damit den Aufstieg in die Regionalliga knapp verpasst, übrigens mit dem Team, das als U13-Jahrgang erstmals an dem Pilotprojekt auf Großfeld teilgenommen hat. Unsere Arbeit wird dadurch erschwert, dass uns mittlerweile schon U9-Spieler „weggescoutet“ werden. Wohlgemerkt: Wir sprechen hier von achtjährigen „Babies“. Meiner Meinung nach wissen deren Eltern gar nicht, was sie ihren Jungs damit antun, die jetzt drei-, viermal die Woche nach Frankfurt oder sonst wohin fahren müssen. Hier muss man auch die aufnehmenden Vereine kritisieren. Wir hatten vor zwei Jahren einen Spieler, der ist, obwohl wir mit Engelszungen auf ihn eingeredet haben, von der U12 weg nach Darmstadt. Jetzt, in der U15, ist er wieder zu uns zurückgekommen, weil er letztes Jahr kaum gespielt hat. Wir müssen mit unserer Überzeugungsarbeit bei den Spielereltern ansetzen, indem wir denen klarmachen, dass für ihre Kids bis zur U15 überhaupt kein Grund besteht zu wechseln. Unsere U15 spielt in der Bayernliga (zweithöchste Klasse), die U14 in der Bezirksoberliga. Nicht von ungefähr ist der Grundgedanke der DFB-Stützpunkte und der NLZs die heimatnahe Talentförderung.

Aber der große Aderlass kommt doch dann erst noch?

Nach der U15 – das muss man leider sagen – werden wir halt immer wieder mal von den großen Clubs „gerupft“. Hoffenheim und Mainz, von denen wir im Falle eines Spielerwechsels eine Ausbildungsentschädigung erhalten, verhalten sich immerhin respektvoll, während sich die bayerischen Vereine nur bei uns bedienen, ohne etwas zurückzugeben. In den höheren Altersklassen wird’s dann schwer. Wir haben sicherlich eine anständige U16 in der BOL, unsere U17 und U19 spielen momentan beide Landesliga. Dort haben sie früher auch schon zeitweise gespielt. 2014 sind beide in die Bayernliga aufgestiegen, um dann 2017 beide wieder abzusteigen. Das ist halt passiert, jetzt müssen wir sehen, dass wir wieder Jahrgänge haben, die sie hochspielen. Auch wenn das manche nicht wahrhaben wollen, es ist eben ein Auf und Ab. Dieses Jahr haben wir bis zum Schluss gezittert, dass unsere U19 nicht in die Bezirksoberliga absteigt. Das hätte man nicht schönreden können, das wäre der Super-GAU gewesen. Aber es ist ja noch mal gutgegangen.

Nachhaltige Talentförderung im NLZ ist doch sicher auch nicht zum Nulltarif zu haben?

Wir haben zehn Juniorenmannschaften und damit mindestens 20 Trainer (Doppelbelegung). Für diese gilt: Die „Entlohnung“, wenn man denn von einer solchen sprechen will, kann mit Sicherheit kein Anreiz sein. Man muss schon eine gewisse Begeisterung für Jugendarbeit mitbringen, um den Job machen zu wollen. Ich bringe in diesem Zusammenhang immer ein Beispiel: Wenn man als Trainer einer Aktiven-Mannschaft in einer unteren Liga arbeitet, dann hat man zweimal die Woche Training und am Wochenende Spiel. Grundsätzlich hat man keine weiten Fahrten zu Auswärtsspielen. Als Trainer kriegt man da nach unseren Informationen zwischen 800 und 1.200 Euro. Wenn du bei uns eine U19 trainierst, kriegst du vielleicht die Hälfte, machst viermal die Woche Training und lange Auswärtsfahrten sind die Regel. Zusätzlich verlangen wir von unseren Trainern auch noch mindestens den B-Schein, unser U19-Trainer hat sogar den A-Schein. Die Anforderungen an die Qualifikation sind ja trotzdem da. Obendrein erwartet man noch sportlichen Erfolg, nachhaltige Juniorenarbeit, eine Berichterstattung (extern und an den Vorstand) sowie ein reibungsloses Zusammenspiel mit der ersten Mannschaft. Das sind viele Faktoren, die finanziell gar nicht darstellbar sind, die wir aber dennoch tun, weil wir glücklicherweise begeisterungsfähige Trainer haben. Manche sind auch schon lange da wie Leander Aust, der mit seinen knapp 28 Jahren schon neun Jahre dabei und damit unser dienstältester Trainer ist. Wir sind als Ausbildungsverein immer auf der Suche nach Helfern. Es fehlt uns zum Beispiel mannschaftsbezogen an zusätzlichen Hilfen, die ein Team im laufenden Spielbetrieb organisatorisch begleiten und die wir diesbezüglich dauerhaft fest einplanen können.

Die „Fazit-Frage“: Ist die Viktoria momentan in der Juniorenarbeit am Maximum angekommen? Wir ahnen schon, dass Du das nicht uneingeschränkt bejahen wirst…

Immerhin kann ich das für die Altersklassen bis zur U15 bejahen, zumindest für das, was wir derzeit darstellen können. Wir haben freilich noch eine Vision. Vielleicht wird mal eine U15 Bayernliga-Meister und gewinnt auch das Relegationsspiel. Anders sieht es im Leistungsbereich (U16, U17, U19) aus, wo man derzeit nicht von Maximum reden kann. Als realistisches Ziel ist hier anzustreben, dass jedes Team wieder eine Klasse höher spielt, das heißt die U16 in der Landesliga, U17 und U19 jeweils in der Bayernliga. Die Vision wäre, eine U19 zu haben, die in der Bundesliga spielt. Dann wären wir gleichzeitig auch am Maximum, das wir aktuell auf der vorhandenen Basis hier leisten können. Die Frage ist auch, wie aktiv der eine oder andere Gönner so eine Vision begleitet. Deren Realisierung würde ein ganz anderes Umfeld und neue Herausforderungen bedeuten, die – so meine Hoffnung – das eine oder andere Talent auch nach der U15 zum Bleiben animieren könnten. Denn wenn man es realistisch betrachtet, läuft die Sache doch so: Der Spieler wechselt in der Hoffnung auf eine Karriere auf das Fußballinternat eines Proficlubs, wo er fern von zu Hause einen streng geregelten und damit nicht gerade jugendaffinen Tagesablauf hat. Nach der U19 wechselt er allerdings in den seltensten Fällen sofort zu den Profis, sondern spielt in der Regel zunächst in deren U21 in der Regionalliga. Regionalliga spielen kann er Stand jetzt auch bei der Viktoria, aber um ihm den Weg dorthin zu ebnen, muss das Niveau in unserem Junioren-Leistungsbereich hochgefahren werden. Um es klar zu sagen: Bayernliga (bezogen auf die U19) reicht da nicht…

Stefan, wir danken für das Interview und hoffen, dass Deine Vision Realität wird. Vielleicht können wir dann bald wieder von waschechten Viktoria-Eigengewächsen mit schnurgerader Vita berichten.

(In Folge 3 unserer Sommerinterview-Reihe werden wir Vorstand Organisation und Beschaffung Eric Rasp ausführlich zu Wort kommen lassen.)

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