Stern und Halbmond bringen München zum Leuchten

Der Aufsteiger dominiert die Regionalliga Bayern derzeit nach Belieben und führt den Beweis, dass Geld nicht nur Tore schießt, sondern diese auch zu verhindern weiß

Wenn vom „Stern des Südens“ die Rede ist, droht neuerdings akute Verwechslungsgefahr. Das Team von Reiner Maurer führt besagtes Signum auch im Wappen und leuchtet zur Zeit ungleich heller als der große Bruder von der Säbener Straße. Glauben Sie nicht? Die Mia-san-mia-Dominanz, die von Aufsteiger Türkgücü München in der Regionalliga Bayern ausgeht, würde dem Tandem Rummenigge / Hoeneß in der Bundesliga endlich wieder zu einer normalen (weniger leuchtenden) Gesichtsfarbe verhelfen. Auf acht Punkte ist das Team von Reiner Maurer mittlerweile der Konkurrenz enteilt, wodurch – sollte sich nichts Grundlegendes ändern – die zweite Halbserie eine monotone One-Team-Show zu werden droht.

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Der 1975 von türkischen Migranten gegründete Verein erlebte von 1988 bis 1992 und von 1994 bis 1996 in der seinerzeit noch drittklassigen Bayernliga eine erste Blütezeit. Nach der Insolvenz im Jahre 2001 benannte man sich in den Türkischen SV München um und wurde in den Folgejahren bis in die Kreisliga heruntergereicht. 2009 erfolgte die Fusion mit dem Bezirksligisten SV Ataspor München. Nunmehr unter dem Namen Türkgücü-Ataspor stand lange Jahre Abstiegskampf in der Landesliga auf dem Plan. Das änderte sich im Sommer 2017, als beim mit frischem Geld ausgestatteten Verein das Ziel „Regionalliga Bayern bis 2020“ proklamiert wurde.

Das Gegenteil eines bescheidenen Aufsteigers

Die ambitionierte Zielsetzung konnte realisiert werden, denn nach zwei Aufstiegen hintereinander durfte sich der mittlerweile namenstechnisch auf SV Türkgücü München verkürzte Senkrechtstarter in dieser Saison erstmals zu Bayerns Amateurelite zählen. Die „Türkische Kraft“ war jedoch weit davon entfernt, das Klischee einer Aufsteiger-Bescheidenheit zu bedienen. Der Verein stellte auf Profitum um. Mit eigenen Mitteln und denen von Sponsoren investierte Präsident Hasan Kivran in einen neuen Kader, der höchsten Regionalliga-Ansprüchen genügen sollte. Als neuer Trainer wurde der ehemalige Zweitliga-Coach der Münchner Löwen, Reiner Maurer, verpflichtet, der die insgesamt 20 größtenteils von konkurrierenden Regionalliga-Vereinen „eingekauften“ Neuzugänge zu einer schlagkräftigen Einheit formen sollte. Für Maurer war die mit den hohen Investitionen korrespondierende anspruchsvolle Erwartungshaltung nach eigener Aussage kein Problem: „Durch die guten Vorbereitungsergebnisse ist die Erwartungshaltung nicht gerade kleiner geworden. Aber es zeigt sich, dass wir hier nur Mentalitätsspieler geholt haben, die bereit sind, jenes laufintensive Spiel, das ich mir vorstelle, umzusetzen.“ Als offizielles Saisonziel wurde vom Präsidium „ein Platz im oberen Tabellendrittel“ ausgegeben und zugleich ein ehrgeiziges perspektivisches Ziel formuliert, dass den Aufstieg in die 2. Bundesliga binnen vier Jahren vorsieht. Bei seinem Amtsantritt gab Maurer immerhin zu bedenken, dass die Neuzugänge zuvor sämtlich Amateure waren und sich erst an Profibedingungen gewöhnen müssten. Die zusätzliche körperliche Belastung seiner Spieler veranschaulichte er mit einem bemerkenswerten Vergleich: „Wenn Sie jeden Tag ein Schnitzel essen, schaffen Sie es dann, jeden Tag drei Schnitzel zu essen?“

Defensive als Prunkstück

Seine Spieler scheinen sich nach anfänglichem Völlegefühl mittlerweile an die Profi-Mastkur gewöhnt zu haben. Seit sieben Spielen sind die Rot-Weißen bei 19:1 Punkten ungeschlagen und haben sich am vorletzten Spieltag überlegen die Herbstmeisterschaft gesichert. Die anfänglich schärfsten Konkurrenten Schweinfurt 05 und SpVgg. Greuther Fürth II konnten zuletzt nicht mehr Schritt halten und sind vom Mittelfeld absorbiert worden. Im direkten Vergleich ließ die Maurer-Elf gegen Teams aus dem oberen Tabellendrittel nichts anbrennen, zwei ihrer bisher drei Saisonniederlagen fallen in eine noch etwas unrunde und überdies von Verletzungen beeinträchtigte Startphase, als man in Garching (0:2) und Buchbach (1:2) das obligatorische Aufsteiger-Lehrgeld bezahlen musste. Zu Hause leistete sich das mit Abstand heimstärkste Team der Liga bis dato nur einen Lapsus: Am 11. Spieltag unterlag man „zu Hause“ – will sagen im Sportpark Heimstetten – dem VfB Eichstätt überraschend mit 0:1. Attestierte am Anfang noch manch einer dem Aufsteiger, noch kein Spitzenteam zu sein, so ist er zum jetzigen Zeitpunkt bei schon acht Punkten Vorsprung auf das restliche Feld längst „a class of its own“. In dem Ex-Ingolstädter Patrick Hasenhüttl (10 Saisontore) hat man einen überaus treffsicheren Stürmer, das eigentliche Prunkstück der Türken ist aber die Defensive um Abwehrchef Thomas Haas. Gerade einmal 14 Gegentore aus 18 Partien stehen zu Buche, woran auch der von Wacker Burghausen an die Isar gewechselte Ausnahme-Keeper Franco Flückiger großen Anteil hat.

Noch nicht mithalten mit den ehrgeizigen sportlichen Plänen kann der Verein derzeit in infrastruktureller Hinsicht. Das Trainingsgelände auf der Bezirkssportanlage an der Heinrich-Wieland-Straße muss man sich mit drei Vereinen teilen. Im Jahr 2019 absolvierte Türkgücü seine Heimspiele im Heimstettener Sportpark (Maurer: „für unsere Verhältnisse nicht ideal“), vom Umzug in das Grünwalder Stadion zum neuen Jahr erhofft man sich nicht zuletzt ein gesteigertes Zuschauerinteresse. Maurer stellt aber auch klar: „Wir haben eine lange Durststrecke hinter uns. Jetzt müssen wir uns die alte Popularität Stück für Stück erarbeiten.“

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