Hot! Jochen Seitz: „Wir brauchen keine Schulterklopfer“

Gelebte Fan-Leidenschaft bemisst sich nicht unbedingt nach Zuschauerzahlen / Burghausen und Bayreuth als positive Beispiele

Wenn man sich die aktuelle Zuschauertabelle der diesjährigen Regionalliga-Bayern-Saison ansieht, dann erfährt man, dass die Viktoria sich großer Beliebtheit erfreut. Die Weiß-Blauen belegen aktuell hinter Aufstiegsfavorit 1. FC Schweinfurt 05 den zweiten Platz im Zuschauer-Ranking. Durchschnittlich 1.194 Zuschauer kamen zu den bisher sieben Heimspielen. Vor diesem Hintergrund nimmt sich eine von Viktoria-Coach Jochen Seitz auf der Pressekonferenz nach dem Heimspiel gegen Bayreuth getätigte Aussage, wonach sein Team lieber auswärts als zu Hause spiele, einigermaßen befremdlich aus. Wir wollten das nicht einfach so stehen lassen und haben nachgefragt.

Viktoria-Trainer Jochen Seitz – immer engagiert und leidenschaftlich bei der Sache (© Funkhaus Aschaffenburg)

Jochen, die Zahlen zeugen von einer großen Akzeptanz der Viktoria. Viele Aschaffenburger wollen Regionalliga-Fußball am Schönbusch sehen, aber ihr spielt lieber auswärts? Das musst Du erklären.

„Es liegt mir fern, unser treues Heimpublikum vor den Kopf zu stoßen, aber vielleicht machen sich die einigen wenigen, die immer einen Haufen Mist reinrufen, auch mal Gedanken, was sie mit ihren Kommentaren anrichten. Nur diese dürfen sich nämlich mit meiner Aussage angesprochen fühlen. Ich habe viel Zuspruch dafür bekommen, dass ich das einmal thematisiert habe. Was mich darin bestärkt, dass ein Großteil der Zuschauer das genauso sieht. Es handelt sich vielleicht um 10 bis 15 Leute, die die Stimmung trüben. Mit Kritik nach dem Spiel habe ich keine Probleme, aber destruktive Kommentare während des Spiels verunsichern die Mannschaft und schaden in letzter Konsequenz dem Verein.“

Nun ist es ja so, dass man Kritik von außen während des Spiels – die gibt es fraglos von der Kreisklasse bis zur Bundesliga – nicht einfach per Dekret aus den Fußballstadien verbannen kann. Glaubst Du wirklich, dass man solcherart auf sein „Publikum“ einwirken kann?

„Das glaube ich freilich nicht. Aber man sollte doch bedenken, wo wir herkommen. Zudem haben wir eine junge Mannschaft mit Spielern aus der Region. Wir sind keine Söldnertruppe, die groß absahnt und mit Fußball ihren Lebensunterhalt verdient. Als gut bezahlter Profi muss man Kritik von den Rängen aushalten, keine Frage. Bei der Viktoria verhält sich das aber ganz anders. Gemessen an ihrem Gehalt betreiben unsere Spieler einen enormen Aufwand. Als Trainer kann man da schon einmal an die Zuschauer appellieren, Nachsicht walten zu lassen, gerade was junge Spieler betrifft, die noch lernen müssen. Ein ganz wichtiges Thema ist, dass Idealisten nicht die Lust am Fußballspielen verleidet wird. Wir sollten alle zusammenhalten, die Aufgabe, unter unseren Bedingungen die Klasse zu halten, ist schwer genug. Es muss immer wieder in Erinnerung gerufen werden: Die glorreichen Zeiten des Profitums sind lange vorbei. Wir haben nicht die Mittel, um höherklassig zu spielen. Mit unserem Budget sind wir absolut am Limit.“

Es ist in Schweinfurt und zuletzt bei den Bayreuthern auffällig gewesen, dass die Spieler vor Spielbeginn ihren Fans ihre Reverenz erwiesen, indem sie sich ihnen zudrehten und sie mit Händeklatschen anfeuerten. Siehst Du in dieser Hinsicht bei uns atmosphärische Defizite zwischen Mannschaft und Fans?

„Wir nehmen unsere Fans durchaus wahr, wir registrieren auch positiv, dass viele Fans uns auswärts begleiten. Um zu verdeutlichen, worum es mir geht, möchte ich mal ein Beispiel nennen: Wacker Burghausen hat zu Hause gegen uns vor 800 Zuschauern gespielt und verliert als Aufstiegsfavorit im eigenen Stadion mit 1:2. Trotzdem werden sie nach dem Spiel von den eigenen Fans gefeiert. Das würden wir uns mal wünschen. Gerade wenn es mal nicht so läuft, brauchen wir Unterstützung und Aufmunterung. Wir brauchen keine Schulterklopfer, wenn wir ein Spiel gewonnen haben. Diesbezüglich waren für mich Burghausen und Bayreuth schon beispielhaft, da kann sich bei uns manch einer eine Scheibe davon abschneiden. Eine Fanszene, die geschlossen hinter uns steht und von der wir uns getragen fühlen, wünsche ich mir und ich habe die Hoffnung noch nicht aufgegeben, dass dieser Wunsch Realität wird.“

Danke Jochen, für die offenen Worte. Die nächsten beiden Wochen spielt ihr ohnehin da, wo ihr derzeit lieber spielt. Den Fans bleibt derweil Zeit, ihre Reihen zu schließen. Im nächsten Heimspiel gegen Augsburg sollte dann Überzeugungsarbeit geleistet werden, damit ihr das Stadion am Schönbusch als Wohlfühlort für euch wiederentdeckt.

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