

Als Benjamin Baier vor dem ersten Heimspiel der Saison im Pokal gegen den TSV Aubstadt aus dem Kabinentrakt tritt, fühlt er sich vielleicht selber wie die zwei kleinen Kicker von der Viktoria-Jugend, die auf eine Hand zum Einlaufen warten.
Baier führt als Mannschaftskapitän die Reihe an. 38 Lenze zählt er, hat mehr Spiele für die Viktoria bestritten als die meisten seiner Mitspieler zusammen, und doch trägt er dasselbe Trikot wie die Jugendspieler neben ihm. Und doch ist er einer von 16 Spielern des aktuellen Viktoria-Kaders, die aus der eigenen Jugend stammen.
Hinter Baier reihen sich Roberto Desch ein, der ab der U13 die komplette Jugend im SVA-Nachwuchsleistungszentrum durchlaufen hat, und Patrick Seitz, Justin Berg, Eren Bozan - jung, hungrig. Würde man an diesem Nachmittag jeden Spieler im Kader fragen, wo er das Fußballspielen gelernt hat, würden sechzehn von ihnen dieselbe Antwort geben: hier, beim SVA, im weiß-blauen Trikot.
Die aktuelle Situation macht die Zahl erst wirklich groß. Der Abstieg aus der Regionalliga Bayern in die Bayernliga Nord war für den Verein ein harter Einschnitt - die Vorstandschaft sprach von einem „konsequenten Neustart". Erfahrene Routiniers, die die Achse bilden und die jungen Spieler aus der eigenen Jugend an die Hand nehmen, damit diese wiederum sich weiterentwickeln - so funktioniert eine erfolgreiche Mannschaft.
Cheftrainer Felix Luz und der Sportliche Leiter Daniel Soldevilla haben nach etlichen Abgängen nicht nach draußen geschaut, sondern nach unten – ins eigene Nachwuchsleistungszentrum, ins Heinz-Stenger-Jugendhaus an der Kleinen Schönbuschallee, wo aktuell rund 200 Talente aus der Region in zehn Jugendmannschaften ausgebildet werden.
Jeder Name in dieser 16er-Reihe erzählt eine eigene Version derselben Geschichte. Benjamin Baier, die Zuverlässigkeit in Person. Seit er 2019 von Rot-Weiß Essen zurück am Schönbusch ist, hat er Auf- und Abstiege miterlebt, Trainerwechsel, ganze Spielergenerationen kommen und gehen sehen, und trägt das Trikot noch immer mit demselben Enthusiasmus wie am ersten Tag. Und genau deshalb trainiert er eine Jugend bei der Viktoria, in der auch sein Sohn mittlerweile die Kickstiefel schnürt oder schnüren lässt.
Roberto Desch steht für die Kontinuität. Seit 2007 und damit seit fast 20 Jahren ist er am Schönbusch, trägt die weiß-blaue Raute auch heute noch mit Stolz. Dazu ebenfalls aus dem SVA-NLZ Niklas Borger, Justin Berg, Patrick Seitz und Eren Bozan, die schon in der Regionalliga spielten.
Die „Legenden“ Ricardo Döbert und Daniel Cheron, aber auch Jan Bartunek und Collin Brennecke, die zu dieser Saison wieder ihren Weg zurück an den Schönbusch gefunden haben. Dahinter Jonathan Witzel, Jakob Hammerbacher, Daniel Gutermann, Moritz Emmerich, Kai Stich und Valentin Bachmann, die gerade aus der U19 gekommen sind, stehen für die Gegenwart und die Zukunft zugleich - echte „Aschaffenburger Jungs", auf die die Fußballfamilie der Viktoria stolz ist.
Vielleicht ist genau das die eigentliche Pointe der Geschichte: Ein 38-jähriger, der alles mitgemacht hat, der einem jungen Fußballer beim Einlaufen die Hand hält - beide im selben Trikot, beide ein Teil derselben Familie, beide ein Teil der weiß-blauen Geschichten von der Kleinen Schönbuschallee. Die Viktoria-DNA, von der beim SVA gerne die Rede ist, lässt sich schwer in Worte fassen. An diesem Abend im Stadion am Schönbusch braucht es dafür auch keine Worte, es reicht ein Blick auf den Platz.

Die Spieler des Bayernliga-Kaders, die schon in der Jugend für den SVA auf dem Platz standen (v.l.): Ricardo Döbert, Justin Berg, (Berkay Sepik - nicht mehr beim SVA), Jan Bartunek, Eren Bozan, Niklas Borger, Roberto Desch, Daniel Gutermann, Valentin Bachmann, Benjamin Baier, Jakob Hammerbacher, Moritz Emmerich, Veit Klement (aktuell in den USA), Patrick Seitz, Kai Stich, Lukas Imgrund, Collin Brennecke und Jonathan Witzel.
Text: Dirk Simon / Sven Wahl
Fotos: Leon Schneider / Justin Glockauer
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