Interview mit Jugendvorstand Sven Schmidt-Tudl (Teil 2) / Viktoria in die Entscheidungsfindung des Verbandes involviert

Die aktuelle Situation erfordert individuelle Entscheidungen für jeden einzelnen Bereich, daher steht hinter der sportlichen Zukunft im Juniorenbereich noch ein Fragezeichen. Jugendvorstand Sven Schmidt-Tudl verrät im zweiten Teil unseres Interviews, wie sich die Viktoria diesbezüglich positioniert und welche Faktoren konkret zur Meinungsbildung beigetragen haben.

Wir haben mit Sven Schmidt-Tudl, Vorstand (Junioren) bei der Viktoria, über die aktuelle Situation gesprochen (© Viktoria Aschaffenburg)

Wie geht es nach der Beendigung des Ausnahmezustands weiter bei den Junioren? Gibt es schon Konzepte?

Sven Schmidt-Tudl: „Leider lässt sich gerade im Bereich der Jugend nach wie vor keine konkrete Aussage tätigen, wie es weitergehen wird. Es gibt hier die unterschiedlichsten Szenarien, die nahezu täglich auch der Presse zu entnehmen sind. Zunächst einmal gilt es aber, die Grundsatzfrage zu klären: Abbruch oder Weiterführung der Saison? Stand jetzt ist nur klar, dass bis zum 31. August 2020 kein Spielbetrieb stattfinden wird.“

Kann man als Betroffener selbst auf die Entscheidung Einfluss nehmen?

„Auch hier versuchen wir dicht am Geschehen zu sein und konnten mit unserem U16-Trainer Björn Dziallach, der auch die Organisation der Jugend leitet, einen Vertreter des Vereins in der Arbeitsgruppe Jugend, welche vom BFV zur Lösungsfindung gegründet wurde, platzieren.“

Welche Lösung favorisiert Ihr?

„Intern haben wir uns in einem engen Kreis ausgetauscht und klar positioniert. Am liebsten würden wir natürlich gerne auch im Jugendbereich die Saison sportlich zu Ende führen. Denn gerade im Leistungsbereich haben wir mit unseren U15-, U17- und U19-Junioren Mannschaften, deren Fokus ganz klar auf dem Aufstieg liegt. Nach reiflicher Überlegung haben wir im Bereich Jugend dennoch für die Variante Abbruch mit Aufstieg und ohne Absteiger entschieden, auch wenn es unserer U17 sportlich gesehen eher schadet.”

Was spricht aus Eurer Sicht gegen eine Fortführung der Saison?

„Aus gutem Grund befürchten wir in diesem Fall Wettbewerbsnachteile, da die Talente, die zur neuen Saison in größere Bundesliga-NLZs wechseln, uns unabhängig von der Entwicklung der Corona-Krise bereits zum 30. Juni verlassen und uns daher im Falle einer Fortsetzung der Saison zu einem späteren Zeitpunkt nicht mehr zur Verfügung stehen werden.”

Das NLZ verliert in diesem Jahr aber nicht nur Spieler…

„Auch im Trainerbereich müssen wir einen Abgang auffangen. Mit Ronny Lehmann verlieren wir einen langjährigen Toptrainer für den Grundlagen-/Aufbaubereich. Er wechselt zu EIntracht Frankfurt ins NLZ. So schwer dieser Verlust auch wiegt, so macht es uns doch stolz, dass unser Personal offensichtlich auch auf Profi-Ebene begehrt ist. Wir betrachten das als Gütesiegel für unsere Jugendarbeit.”

Seht Ihr Eure bisherige Arbeit durch Corona gefährdet?

„Wir waren vor der Krise auf einem sehr guten Weg, sowohl sportlich als auch in struktureller Hinsicht. Ein Meilenstein war sicherlich der mit Hilfe eines Sponsors realisierte Umbau von Jugendbüro und Geschäftsstelle. In dem Maße, wie unsere Partner in der Corona-Krise wirtschaftlich unter Druck geraten, müssen wir jetzt kreativ werden und neue Lösungen finden. Gegebenenfalls machen wir auch Abstriche, so weh das im Einzelfall auch tut. Diesbezüglich erwarte ich von jedem ein Stück Solidarität und Verständnis für die Situation. Unsere Trainer sind da schon mit gutem Beispiel vorausgegangen und haben eindrucksvoll dokumentiert, dass der Verein für sie eine Herzensangelegenheit ist.”

Sicherlich trifft Letzteres auch auf die jungen Spieler zu?

„Deshalb haben wir in der angesprochenen Konferenz den einvernehmlichen Beschluss gefasst, dass auf Initiative des Vereins kein Juniorenspieler im Aufbau- und Grundlagenbereich die Viktoria verlassen muss. Wer andere NLZs kennt, weiß, dass das beileibe nicht selbstverständlich ist.”

Ist das NLZ der Viktoria demnach ein „Muster-Ausbildungsbetrieb“?

„Wir leisten seit Jahren hervorragende Jugendarbeit, für die gesamte Region und darüber hinaus und sind ein Paradebeispiel für gelebte Integration. Unsere Jugendspieler sammeln auch außerhalb des Platzes unvergessliche Erlebnisse, von denen sie noch ihren Enkeln erzählen können. Das ist uns Ansporn genug, das Konstrukt NLZ unbeschadet durch die Krise zu führen. Es versteht sich fast von selbst, dass wir diese Anstrengung nicht ausschließlich aus eigener Kraft bewältigen können, sondern auch der Hilfe von außen bedürfen. In diesem Zusammenhang sei abschließend noch einmal an das zu eben diesem Zweck eingerichtete Spendenportal erinnert.”

Lieber Sven, vielen Dank für das Interview und Dir in Deinem Amt als Jugendvorstand einen guten Kompass beim Steuern durch die Krise. Was die unterstützenden Leuchtfeuer von außen angeht, so hoffen wir, dass Dein Appell auf offene Ohren stößt.

Stand: 15. Mai 2020 // Moritz Hahn & Wolfgang Fleischer